Cooles Kasperletheater: Pop-Aufsteiger Casper im Musiktheater

Perfekt in allen Lagen: HipHopper Casper im Kasseler Musiktheater. Foto: Fischer

Kassel. In diesem Moment im Kasseler Musiktheater ahnt man, dass Casper doch gelogen haben könnte. Anfang August, als sein Album „Xoxo“ gerade auf Platz eins der Charts eingestiegen war und die Kritiker den Rapper als „Retter des deutschen HipHop“ feierten, sagte er unserer Zeitung: „Ich bin kein Heiland.“

Doch dann teilte der 29-Jährige die tobende Menge im mit fast 1000 Fans ausverkauften Musiktheater in zwei Teile wie Moses einst das Meer. Bevor er den Song „Rock’n’Roll“ und die Zeile „Die Welt fällt in zwei Teile“ sang, ließ er die Besucher wie in einer Schlacht aufeinander zulaufen und wilden Pogo tanzen. Das ist nicht schlecht für einen, der bei seinem letzten Auftritt in Kassel vor zwei Jahren vor 20 Leuten in einer „Kleinraumdisco“ auftrat, wie Casper bekannte.

Casper - die Pop-Sensation des Jahre

Selbstverständlich ist Benjamin Griffey, wie der aus Ostwestfalen stammende Wahl-Berliner heißt, kein Heiland und auch kein HipHop-Retter. Er rappt ja nicht mal im eigentlichen Sinn. Stattdessen singtspricht er die Texte mit seiner belegten Reibeisenstimme und lässt seine vierköpfige Band Rockmusik spielen, die sich irgendwo zwischen den flirrenden Gitarren der Smiths und dem Wall of Sound von Stadionrockbands verorten lässt.

Und trotzdem ist Casper völlig zu Recht die Pop-Sensation des Jahres. Selten hat ein Künstler sein Publikum so sehr im Griff wie der fünftagebärtige junge Mann mit dem tätowierten rechten Arm. Das beginnt schon, als das Quintett die in dichten Nebel geschwängerte Bühne mit Wolfsmasken betritt, aus deren Augenhöhlen kleine Scheinwerfer ins Publikum leuchten. „Wir holen zurück, was uns gehört“, singt Casper zu monströsen Beats mit ganz viel Bass und kündigt an: „Die Wölfe sind los und wollen das Blut sehen.“

Einige Experten haben seine Musik als Soundtrack für den Wutbürger interpretiert. Aber in Kassel ist das Kasperletheater ungefähr so politisch wie die FDP einst unter dem Spaß-Diktator Guido Westerwelle - also gar nicht. Einmal hält der schweißgebadete Sänger eine kleine Lobrede auf die Mittelschicht, aber dem zumeist jugendlichen Party-Publikum ist das schnuppe.

Selbst die alten Songs, die Casper bei Independent-Labels veröffentlichte, kann es komplett mitsingen. Und auch neue Tracks, die es bislang nur auf Youtube gibt, sind ein Renner - wie das Stück „Wilson Gonzales“, in dem der Ochsenknecht-Sohn herrlich durch den Kakao gezogen wird.

Es ist alles „so perfekt“, wie es im abschließenden Hit nach 75 Minuten heißt. Bevor Casper „Michael X“ einem verstorbenen Freund widmet, bringt er den ganzen Laden zum Schweigen. Kurz zuvor hatte er das Publikum noch aufgefordert, „lauter als Gott“ zu sein. Und was soll man sagen? Es war ungelogen sehr, sehr laut.

Von Matthias Lohr

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