Costa Cannabis von den Ska-Punkern Sondaschule: „Ich will nicht mehr schweigen“

Mit Ska-Punk und schlauen Texten landet die Band Sondaschule seit 18 Jahren immer wieder in den oberen Chart-Regionen: Jetzt ist ihr sechstes Album „Schere, Stein, Papier" erschienen und bietet so manche Überraschung. Wir haben mit Sänger, Texter und Komponist Costa Cannabis gesprochen.

Herr Cannabis, nehmen wir Ihren Bandnamen wörtlich. Wie spricht man mit Schülern, also Kindern, über Rassismus?

Costa Cannabis: Ich glaube, das muss man eigentlich gar nicht. Das beste Beispiel: Ich habe eine Nichte, die ist in der ersten Klasse. Sie hat mir von ihrer neuen Freundin erzählt, die lila Haare hat. Irgendwann habe ich sie an der Schule abgeholt und das Mädchen gesehen. Sie hat eine lila Strähne und ist aber ein schwarzes Mädchen. Das ist Kindern völlig egal. Für sie sind alle Menschen. Sie kennen Rassismus nur, wenn er ihnen von Eltern, Lehrern oder andern Menschen mitgegeben wird. Das wird antrainiert.

Sie fordern in Ihren Songs dazu auf, Stellung zu beziehen und Meinung zu vertreten. 

Cannabis: Unsere Priorität ist, dass wir hinter der Musik stehen und Spaß damit haben. Wir sind aber auch älter geworden, machen uns viele Gedanken - die Musik wird ernster.

Das neue Album ist deutlich politischer als die Vorgänger. Was nervt Sie an der Politik? 

Cannabis: Dass Nordrhein-Westfalen mittlerweile von der CDU regiert wird, ist schon eine Neuerung, die in eine Richtung geht, die ich nicht befürworte. Früher war NRW sehr sozial. Wenn man hier jetzt die CDU wählt, was für Bundesländer wählen bald die AfD? Es geht alles in die Richtung: „Ich bin kein Nazi, aber....“ Die Medien puschen das. Das ist gefährlich, weil die Leute Angst bekommen.

Stichwort Angst. Es gab Anschläge bei Konzerten - wie steht es mit Ihrer Angst? 

Cannabis: Als das 2015 in Paris passiert ist, waren wir auf Tour. Das war hart. Aber: Wenn wir uns Angst machen lassen, haben sie ihr Ziel erreicht. Am selben Tag sind bei Autounfällen zehn Menschen gestorben - es ist gefährlicher, über die Straße zu gehen.

Lange hieß es, Punk sei tot. Ist jetzt wieder die Zeit für Punk? 

Cannabis: Ich hoffe! Ich hoffe auf eine Welle der Auflehnung der Jugend. Das wird vielleicht nicht mehr mit verzerrten Gitarren gemacht, es wird eher eine andere Jugendbewegung geben, die man mit Punk vergleichen könnte: Jugend, die sich dagegen stellt, mit dem System nicht konform geht.

Was ist Punk für Sie? 

Cannabis: Es gibt Grundwerte: Man sollte sich ein schönes Leben machen, ohne anderen zu schaden und darauf scheißen, was andere sagen.

Es gibt den Vorwurf an Punkbands, dass sie meckern, aber selbst nichts machen. 

Cannabis: Wir haben noch nie über Politik gesungen, aber Projekte wie „Kein Bock auf Nazis“ unterstützt. Wir engagieren uns immer wieder. Nur mittlerweile will ich nicht mehr schweigen.

Sondaschule feiert aber eher gegen die Probleme an, oder? 

Cannabis: Auf jeden Fall, die positive Nachricht soll nie verloren gehen. Wir wollen brisante Themen ansprechen und nicht verzweifeln. Es ist nicht alles schlecht in diesem Land.

Am Ende überrascht das Album: „Goldene Tapete“ ist ein sehr ruhiger Song. Wie ist es denn dazu gekommen? 

Cannabis: Ich habe ihn nachts alleine am Laptop gemacht, nachdem ich aus einer Kneipe nach Hause gebeten wurde. Das bin alles ich: Das Keyboard ist mit der Laptoptastatur eingespielt und so weiter. Es ist die Originalaufnahme. Wir haben nicht mehr den szenerelevanten Gedanken, dass alles schnell sein muss.

Zurück zur Schule: Welcher Song bekommt die beste Note?

Cannabis: Der Song, der mich sehr bewegt ist „Zu kurz, um lang zu denken“. Es geht darum, was wir als Band spüren, wenn wir zusammen unterwegs sind. Gänsehaut.

Sondaschule: Schere, Stein, Papier (BMG)

Wertung: vier von fünf Sternen

Tim Kleinrensing (39), Künstlername Costa Cannabis, aus Mühlheim an der Ruhr ist der Kopf der Ska-Punker Sondaschule. Seit 18 Jahren begeistert die Band ihre Fans mit Songs über das Kiffen und die Liebe. Jetzt schlägt die Band politischere Töne an, ist erwachsen geworden. Jahrelang habe er keinen Grund gesehen, politische Lieder zu schreiben, so der Sänger. Es war ihm zu abgedroschen. Doch sei es jetzt an der Zeit. Kleinrensing lebt in einer Beziehung.

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