Analyse: Warum der Western gerade einen lange nicht gekannten Boom erlebt - Erfolgsfilme im Kino

Die Cowboys sind zurück

Klassisches Westernzitat: Schießerei auf der staubigen Dorfstraße im Animationsfilm „Rango“. Fotos: Verleih/ nh/ Klinger

Sie reiten wieder. Einsame Männer mit tief ins Gesicht geschobenen Hüten sorgen wieder für Recht und Ordnung in den Weiten der Prärie. Und im Saloon rinnt Hochprozentiges in Männerkehlen. Der Western ist zurück. Zwei große Kinofilme ziehen derzeit Besucherscharen an. Die opulent gefilmte Rachestory „True Grit“ von Joel und Ethan Coen mit den Stars Jeff Bridges und Matt Damon ist ein Besuchererfolg.

Und furios gestartet ist am Wochenende auch ein zweiter Western ganz anderer Art. „Fluch der Karibik“-Macher Gore Verbinski hat mit „Rango“ das Cowboy-Genre in den Animationsfilm geholt. Sein Held ist ein großmäuliges Chamäleon, das in einem Wüstenkaff unversehens zum Sheriff ernannt wird. Verbinskis optisch aufregendes Werk erzählt eine Verschwörungsgeschichte mit vielen Zitaten aus Genreklassikern, es gibt ein Duell à la High Noon, es gibt extreme Wechsel zwischen Nahaufnahmen und Totalen. Nur: Seine Helden sind Reptilien und Kleinsäuger. Mit einer Ausnahme: Als der Held in die Wüste flüchtet, erscheint ihm der „Geist des Wilden Westens“ und gibt weise Ratschläge. Es ist Clint Eastwood, der denselben Poncho trägt wie in seinen legendären Western. In den USA legte der Film am Startwochenende einen Besucherrekord hin.

Quentin Tarantino und Jerry Bruckheimer planen ebenfalls Western-Projekte. Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger von der Universität Siegen weiß, wie es zu dieser Frischekur kommt: „Der Western ist als Genre so alt wie der Film selbst“, sagt er. Keine andere Film-Gattung arbeitet mit so klaren Motiven: Die meisten Streifen spielen Ende des 19. Jahrhunderts, man gestaltet den Staat, besiedelt neues Land. Recht und Gesetz werden mit Gewalt durchgesetzt. Es gibt einsame Helden, die weite Landschaft ist weiteres wichtiges Element. Für Stiglegger basiert der Erfolg des Western darauf, dass sich diese Grundmotive immer neu adaptieren lassen - bis hin zu Samurai-Filmen oder einem Weltraumabenteuer wie „Das Imperium schlägt zurück“.

Amerikanische Mythen

„Das Westerngenre enthält die komplette amerikanische Mythologie - und die ist Teil zu unser aller populärkulturellen Mythologie geworden.“ Die Coen-Brüder sind „postmoderne Regisseure, die sich frei in der Filmgeschichte bedienen“. Sie nehmen sich Genre-Versatzstücke aller Art und schaffen es, so der Western-Experte, ihrem Film sowohl den Zynismus eines Italowestern als auch Elemente eines Familienfilms zuzufügen. Das erklärt den Erfolg von „True Grit“.

Auch die junge Generation, die die klassischen Western der 30er- bis 60er-Jahre nicht kennt - und vielleicht noch nicht mal das düstere Spätwerk aus den 60ern und 70ern, hat trotzdem die klassischen Bilder im Kopf. „Selbst in Computerspielen wird mit diesen Motiven gearbeitet.“ Zauberwort ist die „Mehrfachcodierung“, dass sich also ein Film als Melodram, als Rachestory und als Actionkomödie sehen lässt. Stiglegger: „So funktioniert großes Kino.“

Der Western lebt auch auf der Bühne: Am Kasseler Staatstheater gibt es aktuell einen Besucheransturm bei einem Cowboy-Liederabend.

„Filmgenre: Western“, hrsg. von Bernd Kiefer, Norbert Grob, Marcus Stiglegger, Reclam, 375 S., 8,80 Euro.

Von Bettina Fraschke

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