Liederabend „Spiel mir das Lied vom Tod“ am Staatstheater

Cowboys der Vorstadt

Cowboys: Thorsten Drücker (v.l.), Peter Elter, Sebastian Klein, Thomas Meczele, Frank Richartz und Franz Josef Strohmeier. Foto:  Klinger

Kassel. Der männliche Held ist eine vom Aussterben bedrohte Gattung. Nur noch im Wilden Westen werden Exemplare in freier Wildbahn gesichtet. Oder sind Helden in Wirklichkeit nur ein Mythos?

Wenn im Foyer des Kasseler Schauspielhauses die Tür zum Parkplatz aufgeht, draußen ein Pferd auf Rollen abgestellt wird, Männer mit finsterer Miene die Cowboyhüte in den Nacken schieben und mit schweren Stiefeln durch die Tür treten, lassen Charles Bronson und Clint Eastwood auf der Bühne beim Liederabend „Spiel mir das Lied vom Tod“ grüßen.

Am späten Samstagabend erklatschten sich im übervollen Schauspielfoyer die Zuschauer noch mehrere Zugaben bei der von Thomas Bockelmann inszenierten Männerbilder-Befragung. Im ersten Teil gibt es Westernsongs von „Ghost Riders In The Sky“ über Johnny Cash bis zu den Ärzten, melancholische Balladen und ironisierte grimmige Blicke. In lässiger Saloon-Atmosphäre (Bühne und Kostüme: Sibylle Pfeiffer/ Daniel Roskamp) wechseln sich sechs Männer an den Mikrofonen und an Klavier, Schlagzeug, Gitarre und Bass ab.

Eine coole Western-Session, deren Akteure weniger wie Las-Vegas-Show-Cowboys, sondern mit ihren abgeschabten Ledermänteln und kaputten Jeans mehr wie abgerissene Typen aus einem Jim-Jarmusch-Film wirken. Wir lernen: Der Glanz ist selbst im letzten Testosteron-Refugium verblasst. In die großen Songs von Freiheit, Einsamkeit und Abenteuer mischen sich Schnulzen wie „Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand“.

Im zweiten Teil wandert der Blick auf aktuelle Männerbilder mit Udo Lindenberg, Westernhagen, Rio Reiser und den Toten Hosen, die den XY-Chromosomen-Trägern die punkrockige Durchhalteparole ausgeben: „Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn“.

Sebastian Klein macht den Vorstadt-Gigolo mit Gelhaar und Goldkette lächerlich, wenn er Enrique Iglesias’ „Hero“ schmettert, poetisch singt Peter Elter vom Fliegen mit gebrochenen Flügeln („Blackbird“ von den Beatles), Frank Josef Strohmeier ist hüftkreisend im Feinripp-Hemd Reinhard Fendrichs „Macho, Macho“.

Thomas Meczele mit fieser Pornobrille pumpt das Ego auf in Stephan Remmlers „Einer muss der beste sein“. Frank Richartz steigert sich mit aufgeknöpftem Rüschenvolant-Hemd in die Verzweiflung eines Rio Reisers mit „Zauberland“, und Thorsten Drücker (auch musikalische Leitung) besingt ganz depressiv die Segnungen von Westernhagens „Johnny Walker“.

Die ironische Helden-Befragung ist vergnüglich, wenn auch musikalisch nicht so ausgefeilt wie der „Undine“-Liederabend des Staatstheaters. Als hübsches Extra setzt Tänzerin Eva Mohn mit zwei Kurzauftritten zu Beginn und am Ende ein sexy Gegengewicht in die Männerwelt: „These boots are made for walking.“

Wieder am 12.3., 2.4., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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