Jazz-Trompeter Till Brönner im Interview über Pop-Klassiker und Carla Bruni

Till Brönner

Till Brönner ist Deutschlands populärster Jazzmusiker. Heute veröffentlicht der 39-Jährige erstmals ein Pop-Album. Ein Buch hat er gerade herausgegeben (Besprechung siehe unten).

Ihre CDs sind meist im Jazz-Regal zu finden. Auf „At The End Of The Day“ interpretieren Sie Pop-Songs - von Human League, The Killers oder Seals & Croft. Wie wichtig sind Ihnen Einflüsse anderer Stilrichtungen?

Till Brönner: Erst einmal stelle ich zur Debatte, ob es überhaupt ein Pop-Album oder irgendetwas anderes ist. Mit Begriffen wie Pop, Jazz, Klassik oder Soul kann ich nicht viel anfangen. Crossover ist mein Hassbegriff Nummer eins. Ich versuche, meine Ohren immer offen für Neues zu haben. Das ging mir in den 80ern nicht anders, obwohl ich damals täglich mehrere Stunden Trompete geübt habe und der Fokus klar beim Jazz lag.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Songs ausgewählt?

Brönner: Ich habe mich gefragt, was „At the End of the Day“ - also unterm Strich - übrig bleibt: Was fände ich gut, wenn ich nur noch einen Tag Musik hören dürfte.

Sie covern „And I Love Her“ von den Beatles. Mussten Sie Ihre Fassung von Paul McCartney genehmigen lassen?

Brönner: Nur wenn man Stücke mutwillig zerstört oder in einen anderen Kontext stellt, können der Verlag oder der Künstler die Veröffentlichung verbieten. In diesem Fall ist die Hommage nicht zu verkennen. In meiner Hardcore-Jazz-Zeit habe ich versucht, den Beatles aus dem Weg zu gehen. Sie erschienen mir als zu banal. Den Spaß an ihnen habe ich erst viel später entdeckt.

Sie interpretieren das „Air“ aus der 3. Suite von Bach auf der Trompete. Eine Richtung, die Sie weiterverfolgen werden?

Brönner: Das kann ich noch nicht sagen. Als deutscher Musiker gehe ich gern auf die Suche nach deutschem Songmaterial. Hinsichtlich der Musik sind wir weltweit so angesehen wie kein anderes Land. Von daher können wir uns selbstbewusst auf die Suche nach unserer Geschichte begeben. Und mutig interpretieren. Man darf natürlich nicht den Respekt vor der Komposition verlieren.

Bei den meisten Stücken erklingt Ihr Gesang. Warum haben Sie sich David Bowies „Space Oddity“ für eine Instrumentalversion ausgesucht?

Brönner: Gesang hat sich mir bei diesem Stück verbeten. Die Trompete gibt mir die Freiheit, den Song zu interpretieren, ohne den Vergleich fürchten zu müssen. Da hätte ich eher alt ausgesehen.

Die Improvisation spielt auf Ihrem Album keine besondere Rolle, oder?

Brönner: Natürlich ist es kein Improvisations-Jazz-Album. Aber wir haben alles live eingespielt, und es gibt viele Situationen, die ich so nicht wiederholen könnte.

Einer Ihrer Helden ist Miles Davis. Haben andere Instrumentalisten Sie beeinflusst?

Brönner: Charlie Parker ist für mich noch wichtiger gewesen. Als ich ihn hörte, verwandelte sich die Welt von schwarzweiß in bunt. Auch Blues-Gitarristen wie John Lee Hocker und Stevie Ray Vaughn sind eine Inspiration gewesen. Sogar Herbert Grönemeyer hat mich beeinflusst, obwohl man das eher nicht hört.

Spüren Sie eine Nähe zu Kollegen wie Michael Bublé oder Jamie Cullum?

Brönner: Gesanglich nicht. Beide sind große Sänger. Da bin ich Realist und freue mich, zur Trompete greifen zu können. Mir ist aber wichtig, mit meiner Stimme Text und Inhalt des Songs zu transportieren.

Sie beschäftigen sich auch mit dem Vorurteil, Jazz sei zu intellektuell.

Brönner: Jazz darf ruhig intellektuell sein. Aber er ist viel mehr als nur das. Es gibt eine unterhaltende, sehr erfolgreiche, breitenkompatible Komponente. Jazz ist die Musik, die es vor dem Pop gab. Dafür braucht man eine gewisse Vorbildung. Aber je öfter man diese Musik hört, desto mehr weiß man sie zu schätzen.

2006 nahmen Sie ein Album mit Carla Bruni als Gast auf. Haben Sie noch ihre Nummer?

Brönner: Nein, die vom Elysée-Palast habe ich nicht. Aber diese Zusammenarbeit war äußerst angenehm. Man merkt schnell, dass es bei ihr nicht um Nebensächlichkeiten geht.

Till Brönner: „At The End Of The Day“ (Universal)

Von Olaf Neumann

Zur Person Till Brönner

Till Brönner (39), geboren in Viersen, studierte Jazztrompete an der Hochschule für Musik Köln und spielte in der Berliner Rias Big-Band. Bereits sein erstes Album „Generations of Jazz“ (1993) erhielt den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Brönner produzierte Alben für Hildegard Knef und die No Angels, und er spielte mit Jazz- und Popgrößen wie Dave Brubeck, Natalie Cole, Carla Bruni und Annie Lennox. Der mehrfache Echo-Preisträger und unverheiratete Vater eines Sohnes lehrt als Professor an der Hochschule für Musik Dresden. In der Vox- und RTL-Castingshow „X Factor“ ist er Jury-Mitglied. Er lebt in Berlin. (vbs)

Buchkritik: Bloß keine Revolution

Till Brönner will gesehen werden. Deswegen geht er als Juror ins Privatfernsehen oder als Herzbube in den Volksmusikstadl, deswegen pflegt er seinen Chic und seine Marketingmaschine. Das alles ist so kalkuliert wie seine Musik, die den Jazztrompeter in die Charts geführt hat. Seine erstaunliche Erfolgsgeschichte muss auch zwischen zwei Buchdeckel. Als Ghostwriter bewarb sich Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dass es so belanglos wurde, ist eine Enttäuschung.

Auf liebedienernde Fragen folgen dünne, selbstgefällige Antworten. Man liest ein smartes Plapperlapapp. Wenn es mal polemisch wird, dominiert ein nervend indignierter Rechtfertigungston, weil es tatsächlich vorkommt, dass nicht alle Till Brönner mögen. Natürlich spaltet so ein Deserteur aus dem Jazzgefängnis die Gemeinde.

Na, und? Es liegt in der Natur dieser Musik, dass sie polarisiert. Wo sind die stilsichere Souveränität, das lässig unaufgeregte Entertainment, die milde Melancholie, der gediegene Ton, das Exquisite seiner Konzerte? Brönner will kein Revolutionär, kein Avantgardist sein, „keiner, der so vergeistigt ist, dass er ganz vergessen hat, was das ist, ein Friseur“. Er will „coole, entspannte Musik machen“, Mainstream. Charmant, warmherzig, bittersüß. Davon erzählt seine Musik besser als dieses überflüssige Buch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.