Volker Lechtenbrink eröffnet als König Lear die Bad Hersfelder Festspiele

Von Eitelkeit verblendet: Volker Lechtenbrink als König Lear in der Bad Hersfelder Stiftsruine. Foto: Iko Freese/ Drama

Bad Hersfeld. Wenn der Narr dem König zuruft, „du hättest nicht alt werden sollen, bevor du klug geworden bist“, steuert die Tragödie direkt auf ihren Kern zu. König Lear hat die Fehlentscheidung seines Lebens getroffen: Aus Eitelkeit enterbt er seine Tochter Cordelia, weil sie sich nicht bei ihm anbiedert.

Dabei will er eigentlich etwas Vernünftiges tun: sein Wohnen im Alter regeln. Und die schmeichlerische Fassade der wohlgelittenen Töchter Regan und Goneril bröckelt, wenn sie ihre Fürsorge tatsächlich leisten sollen. Der Einflussbereich des Herrschers schrumpft auf die Reichweite des Holzstöckleins, mit dem er gern herumfuchtelt. Doch bis zu dieser Erkenntnis ist es ein weiter Weg.

William Shakespeares große Tragödie „König Lear“ eröffnete am Freitag die Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine. In der konventionellen Inszenierung des Intendanten Holk Freytag steht der Text (Fassung: Volker Lechtenbrink) ganz im Zentrum. Auf spektakuläre Szenenbilder wird weitgehend verzichtet.

Wenn dann doch das Gewitter wütet, ist all das Gebrause aus der Tonkonserve prompt viel zu laut, sodass die Darsteller dagegen kaum anschreien können. Sonst stiebt nur Herbstlaub über die Bretter (Bühne: Mayke Hegger), allein die Gewänder im wallenden Mittelalter-Look (Michaela Barth) liefern Farbtupfer.

Freytag spitzt das Geschehen auf das Drama des Älterwerdens zu, und der heftig beklatschte Abend ist dann am stärksten, wenn die Zeitlosigkeit dieses Konflikts in dem historischen Text aufscheint. Wenn die Töchter den launischen Patriarchen nicht beherbergen wollen und von seiner nervigen Ignoranz genug haben. Erst lästern sie über den uneinsichtigen Alten, dann beharken sie sich, um ihren Vorteil herauszuschlagen.

Anja Brünglinghaus (Goneril) und Oda Pretzschner (Reagan) spielen dabei so, dass man sie sich auch als heutige Durchschnittsfrauen zwischen Wohnlandschaft und Einbauküche vorstellen könnte. Ein beeindruckendes Vexierbild entsteht.

Auch Volker Lechtenbrink, der als König Lear nach Hersfeld zurückkehrt, erzeugt diese Universalität. Sehr präsent, aber auch recht plakativ spielend, demütigt er Cordelia mit beißender Verachtung, tappt später mit vorgestrecktem Kopf über die Szenerie wie eine missmutige Echse. Sein Einfluss schwindet, er klammert sich aber an seinen Status wie jemand, der seit Jahren kein Update mehr mit seinem Selbstbild gemacht hat. Später, wenn er dem Wahnsinn verfällt, raunt und röchelt er, ihn durchzucken aber immer wieder auch Momente großer Klarheit.

Lechtenbrink trägt nunmehr Strohkrone, im schmutzigweißen Hemd sieht er aus wie ein biblischer Schmerzensmann, betend reckt er die Arme zum Himmel. Seine Retterin ist am Ende Cordelia, Kristin Hölck spielt sie mädchenhaft, mit großer Klarheit.

Aus dem Ensemble ragen ferner Manfred Stella als geradliniger Graf von Kent, Bernd Kuschmann als Graf von Gloucester und Julian Weigend (Edgar) sowie Lars Weström (Edmund) als dessen Söhne heraus.

Szenenapplaus gab es für Annika Martens als Narr im Pippi-Langstrumpf-Look mit Pudelmütze. „Hoppheissa“ hat er ein Liedlein auf den Lippen, und seine Sprüche brechen die Tragik ebenso witzig wie weise auf. „Weisheit ist ein Straßenköter, den man vor die Tür prügelt, während Madame Schoßhündchen im Warmen sitzen darf und stinken.“

Von Bettina Fraschke

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