Neuer Roman rechtzeitig zum 70. Geburtstag des Portugiesen António Lobo Antunes

Dämonen der Vergangenheit

António Lobo Antunes schreibt und schreibt. So wuchs mit der Disziplin eines besessenen Monomanen ein weltliterarisches Werk, das ohne Vergleich ist. Auswuchernde Stimmenoratorien sind seine Romane, nie komplett zu entschlüsseln und von faszinierender Eindringlichkeit. Sie handeln vom täglichen Krieg in portugiesischen Lebenswelten, Identitätsspaltungen, der Marginalisierung des Einzelnen und der vergeblichen Suche nach einem Ort, an den man gehört. Lobo Antunes fand ihn in seiner Sprache.

Auch der pünktlich zum 70. Geburtstag dieses insularen Großschriftstellers wieder in exzellenter Übersetzung von Maralde Meyer-Minnemann erscheinende Roman ist so eine melodisch metaphernreiche Musik des Zerfalls. 2008 war er in Portugal erschienen, nachdem eine Krebsdiagnose das Leben des Autors komplett verändert hatte. Die verworrenen Bilder lassen sich nur langsam ordnen. Leichte Kost ist das nicht. Höchstens eine Ahnung des Verstehens stellt sich ein, doch die wird stimmiger und stimmiger.

Einer der wechselnden Erzähler beschreibt sein Tun: „Wie ein kleiner Junge, der sich, wenn er im Dunkeln geht, Mut zuspricht, solange ich schaffe zu reden, halte ich durch, wenn es mir gelingt zu reden, rette ich mich.“ Tatsächlich ist diese Art des Erzählens eher zur Suggestivkraft großer Sinfonien als zu anderen Romanen in Beziehung zu setzen. Auch deswegen schließt Antunes sein Opus mit dem Lob Gottes „Finis Laus Deo“ ab, das Mozart ans Ende des ersten Satzes seiner Zehnten setzte.

Das Buch entführt auf ein verlassenes Landgut, wo alle sich vor allen fürchteten. Einst herrschte dort in jeder Weise rücksichtslos der Großvater. Unter seiner Knute warf das Land Gewinn ab, doch sein rigides Regiment verschreckte die Erben so, dass es zugrunde ging. Der Tyrann nahm sich auch sexuell, was er wollte, deswegen ist die Herkunft der Enkel ungeklärt. Inzwischen ist der Besitz wertlos.

Nur erzählerisch kann man ihn sich aneignen. „Die Fallstricke der Erinnerung“ aber sind unzuverlässig. Alles kann bestenfalls eingekreist werden. Das ist ein quälender Vorgang, bei dem Dämonen der Vergangenheit herbeigerufen werden. Dieses Quälende überträgt sich in allerdings unnachahmlicher Sprachwucht auf den Leser.

António Lobo Antunes: Der Archipel der Schlaflosigkeit. Luchterhand, 318 S., 22,99 Euro, Wertung: !!!!:

Von Ulrich Steinmetzger

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