Dänenprinz in der Psychiatrie: Der neue Kasseler „Hamlet“

Reise durch alle Gemütszustände: Anke Stedingk als Mutter Gertrud und Peter Elter als Hamlet. Fotos: Klinger

Kassel. Mit Putzwagen, blauem Müllsack, einem Nachtlämpchen und Strickzeug sitzt eine Putzfrau (Marina Vysotsky) hinten in der Bühnenecke. Manchmal räumt und feudelt sie. Meist strickt sie oder sitzt einfach still da. Eine Dauerbeobachterin.

Statisten schieben Krankenhausbetten. Wenn sich die Schiebetüren in der schwarzen Bühnenrückwand öffnen, geben sie den Blick auf Neonlicht und einen gekachelten Flur frei. Sind wir im Krankenhaus? In einer Psychiatrie? Ein tatteriger Mann im OP-Kittel schlurft durchs Bild. Auf dem Kopf eine Goldfolien-Krone wie vom Kinderfasching.

Dies ist die Welt, in der Gralf-Edzard Habben am Kasseler Schauspielhaus William Shakespeares Tragödie „Hamlet“ ansiedelt. Der 80-jährige Bühnenbildner kreiert in seiner ersten Regiearbeit Bilderwelten – ohne sie jedoch konzeptuell stringent auszuformen. Er schafft einen starken Assoziationsraum, arbeitet aber inhaltlich zu wenig damit.

Zu klischeehaft ist daneben das Setting am kunstrasenumgrenzten offenen Grab – in den Szenen hier wird einfach klassisch-nett runtergespielt. Die Darsteller überzeugen allerdings alle.

Sein – Schein – Einbildung: Prinz Hamlet (Peter Elter) findet eine kafkaeske Welt vor (oder ist als Patient deren Insasse und fantasiert), als er nach dem Tod seines Vaters an den dänischen Hof zurückkehrt. Seine Mutter Gertrud (Anke Stedingk) ist bereits wieder verheiratet mit Vaters Bruder Claudius (Bernd Hölscher), das neue Königspaar befingert sich, busselt. Getrauert wird hier nicht. Hamlet verzweifelt an dem fremden, unverständlichen System, in dem er sich zu bewegen hat.

Dieses unbehagliche Gefühl steht im Zentrum des knapp dreistündigen Theaterabends, der in der ausverkauften Premiere am Samstag lang beklatscht wurde. Das Rachethema aus der Vorlage tritt demgegenüber zurück – auch, weil nicht gezeigt wird, dass Hamlet vom Geist seines Vaters den Auftrag erhält, seinen Mörder Claudius zu töten. Wir sehen nur eine stumme Begegnung zwischen Hamlet und dem bekronten Greis (Klaus Strube).

Die klare, betont gegenwärtige Übersetzung von Frank Günther macht es den Schauspielern leicht, mit ihr zu arbeiten. Peter Elter gestaltet das Grüblerische, Zögernde Hamlets in vielen Facetten. Mit Lust stürzt er sich zudem in die Verwirrtheits-Show voller surrealer Pointen. In der Begegnung mit der geliebten Ophelia (Eva Maria Sommersberg) lässt er seine Zuneigung in eine kaum erträgliche Herabwürdigung kippen.

Sommersberg muss ein scheußlich-altbackenes Kostüm tragen, ein puffärmeliges Blümchenkleid mit Kniestrümpfen und Riemchenschuhen, das aussieht wie ein schlechtes 60er-Jahre-Mädchenklischee. Das schränkt ihre Rollengestaltung arg ein. Die anderen Figuren steckt Heinke Stork in unauffällige schwarze und graue Anzüge.

Am beeindruckendsten sind die Stimmungswechsel in der Begegnung zwischen Hamlet und seiner Mutter gezeichnet. Zwischen wütendem Angriff, giftspritzender Demütigung und weich werdender Zuneigung modulieren Peter Elter und die erneut großartige Anke Stedingk eine vielfältige Mutter-Sohn-Beziehung. Bernd Hölscher und Jürgen Wink zeichnen dichte Porträts als König Claudius und Kämmerer Polonius. Die vielen Morde im fünften Akt werden verknappt abgehandelt (Kampfchoreografie: Lilian Stillwell).

Und am Ende ist es die Putzfrau, die die berühmten Worte spricht: „Der Rest ist Schweigen.“

Von Bettina Fraschke

Wieder am 20. und 26.12., Karten: Tel. 0561-1094-222.

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