Am Jungen Theater in Göttingen gab es viel Jubel für ein Ein-Frau-Stück zu Georg Büchner

Danton ist ein Pappkamerad

Eine Frau in fünf Büchner-Rollen: Elisabeth-Marie Leistikow mit Pappfigur auf der Bühne des JT. Foto:  Eulig

Göttingen. Was wohl Georg Büchner dazu gesagt hätte? Seine männlichen Protagonisten werden auf der Theaterbühne zu gesichtslosen Puppen aus Zeitung und Papier – geführt von einer Frauenhand.

Das Theaterprojekt „Büchner – Wissen macht Kunst“, das am Samstag Premiere im Jungen Theater in Göttingen hatte, zeigt das Werk des Schriftstellers unter besonderer Berücksichtigung seines Frauenbildes mit einem großen Augenzwinkern und ist gerade deshalb eine gelungene Hommage.

Eine Frau, eine Bühne und das Lebenswerk eines großen Denkers – was klingt wie schwere Kost, kommt überraschend leichtfüßig daher. Es hat etwas vom Kabarett, wie Schauspielerin Elisabeth-Marie Leistikow vor das Publikum im gut gefüllten Saal tritt und eine „Büchner-Show“ ankündigt. Slapstick vom Feinsten: Ein Räuspern und auf der Bühne erscheint wie von Zauberhand das benötigte Trittbrett. Ein gewinnendes Lächeln Richtung Publikum und spätestens jetzt ist klar: Dieser Abend wird nicht allzu ernst.

Leistikow schlüpft in fünf verschiedene Frauenrollen aus Büchners Dramen „Leonce und Lena“, „Dantons Tod“ und „Woyzeck“. In den Szenen beweist die Darstellerin erstaunliche Puppenspielqualitäten. Prinz Leonce, der seiner Geliebten Rosetta überdrüssig ist, ist hier ein Kopf aus Packpapier mit Hornbrille, den Leistikow mit ihrer Stimme und Händen zum Leben erweckt. Von der Szene, in der Leonce Rosetta den Laufpass gibt, geht es ins Hier und Jetzt: „Ich hatte die Wahl zwischen Depression oder Shoppen. Ich habe mich für Shoppen entschieden.“

Projektionen per Video

Einfachste Mittel schaffen Atmosphäre. Ein Mikrofon und ein Loopgerät machen aus einzelnen Gesängen, Geräuschen und Sätzen übereinandergelegt ganze Songs. Das Bühnenbild von Friederike Meisel (auch Kostüme) – nicht mehr als ein Fenster, eine Tür und ein WC mit Vorhang – birgt kleine Raffinessen mit Wirkung. Kaum ist die Darstellerin hinter dem Vorhang verschwunden, projiziert eine Kamera ihr Gesicht auf die gesamte Bühnenkulisse.

Fließend und nahezu unbemerkt gelingt nach und nach der Übergang von der Komik zur ernsten Erkenntnis. Nach dem Auftritt der naiven Mädchen Rosetta und Lena sitzt Julie am Fensterbrett. Ihr Mann ist der Revolutionär Danton, eine langgliedrige Figur aus Papierwürsten. Und der schwelgt in Gedanken. Julie stimmt sodann ein Klagelied auf vergangene Ideale an. Auf Marie, die von ihrem eifersüchtigen Ehemann Woyzeck verfolgt wird, folgt Marion. Die abgeklärte Frau ist mit sich und ihrer Sexualität im Reinen und dennoch eine gesellschaftliche Außenseiterin. Die Erkenntnis liefert Leistikow zum Abschluss selbst: „Idealismus ist die schändlichste Verachtung der menschlichen Natur.“

Selbst wer kein Wissen um den Schriftsteller und sein Werk hätte, bekäme mit der Inszenierung von Lily Sykes einen guten Einblick in die Gedanken des Revolutionärs und wird nebenbei großartig unterhalten. Gern würde man Leistikow und ihren Papierstatisten noch weitere 80 Minuten zuschauen. Vom Publikum gab es heftigen Applaus und Jubelrufe.

Wieder am 24.9. und 2.10., Karten: 0551/49 5015.

Von Verena Schulz

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