Interview: Andreas Schaerer über Humor im Jazz

„Hildegard lernt fliegen“ im Kasseler Kulturzelt: „Es darf auch lustig werden“

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Virtuose Musiker mit Humor: Sänger Andreas Schaerer (Mitte mit Mütze) mit seinen Kollegen von der Schweizer Jazzband Hildegard lernt fliegen.

Kassel. Andreas Schaerer und seine fünf Kollegen haben ihre Jazzband „Hildegard lernt fliegen“ genannt, weil sie mit ihrem Live-Publikum gemeinsam abheben wollen. Die Mischung der Schweizer aus Jazz, Rock, Swing, Ska, Funk und vielen anderen Stilen ist ziemlich irre und lustig – auch dank der akrobatischen Stimme von Schaerer zwischen Ernsthaftigkeit und Dada-Kunst.

Wir sprachen mit dem 37-Jährigen vor dem Auftritt im Kasseler Kulturzelt.

Herr Schaerer, woher kommt das Vorurteil, Jazzer hätten keinen Humor?

Andreas Schaerer: Vielleicht denken das viele, weil Jazzer sich beim Improvisieren gern in einen Rausch spielen. Dabei gibt es viele Beispiele von Humor im Jazz. Charles Mingus hat häufig mit einem Augenzwinkern gespielt, Duke Ellington ebenfalls. Es hat auch etwas mit Kultur zu tun, dass man über sein Produkt lachen kann.

Live inszenieren Sie Ihre virtuosen Lieder sehr komödian-tisch. Manche schreiben schon von Comedy-Jazz. Sind Sie damit einverstanden?

Schaerer: Nicht so sehr. „Hildegard lernt fliegen“ ist ein ernsthaftes Projekt, das kompositorisch anspruchsvolle Musik darbietet. Es darf auch mal lustig werden. Vielleicht haben wir deswegen im Mai den „BMW Welt Jazz Award“ gewonnen, der unter dem Motto „Sense of Humour“ stand, sich also mit humorvoller Jazzmusik befasste. Aber unser Ziel ist es nicht, Lacher zu ernten. Wenn bei unserer Musik mal geschmunzelt wird, ist das natürlich auch okay.

In Ihrer Musik verarbeiten Sie auch Ska, Funk, Balkan-Sound und viele andere Stile. Woher kommen all Ihre Einflüsse?

Schaerer: Ich denke, das liegt daran, dass unsere Gesellschaft heute viel enger vernetzt ist als früher. Mit ein paar Klicks kann man musikalische Welten anzapfen, die früher ganz weit weg lagen. Ich selbst bin mit Rock, Drum ’n’ Bass und psychedelischer Musik aufgewachsen. Die Jazzszene beobachte ich erst seit 15 Jahren. Seitdem gab es dort einen Sinneswandel. Früher war man dogmatischer und hat viele Dinge ausgeschlossen. Heute ist alles weniger starr. Eine ähnliche Entwicklung sieht man in der Klassik. Manche Musiker spielen im Symphonieorchester und arbeiten mit HipHoppern zusammen.

Angefangen haben Sie als Gitarrist einer Punkband. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie mit Ihrer Stimme unglaubliche Dinge anstellen können?

Schaerer: Schon als kleiner Junge habe ich mit dem Mund viele Dinge imitiert. Eigentlich wollte ich Geräuschemacher beim Film werden. Als ich in meiner Pfadfinderzeit am Lagerfeuer saß, habe ich das Beatboxen entdeckt. Als Gitarrist wollte ich dann vor allem die tollen Soli nachspielen. Erst mit Anfang 20 habe ich Aufnahmen von Sängern gehört, die mit ihrer Stimme improvisieren. Das war genau das, was ich machen wollte.

Sie bringen auch Schreibmaschinen und Küchengeräte zum Klingen. Wie merkt man, ob sich ein Alltagsgegenstand als Instrument eignet?

Schaerer: Die Schreibmaschine habe ich in der Glockenstube entdeckt. Sie hat einen unglaublich knackigen Sound. Man kann etwas schreiben und daraus gleich Musik machen. Mittlerweile benutzen wir auf der Bühne schon die vierte Schreibmaschine, denn sie gehen schnell kaputt. Insgesamt bringen wir etwa 15 Instrumente mit nach Kassel. Wir fahren mit dem Zug, da kann man nicht alles mitnehmen.

Ist es nicht ungewöhnlich für eine Band, mit dem Zug auf Tournee zu gehen?

Schaerer: Ja, aber von Bern nach Kassel wären wir mit dem Auto neun Stunden unterwegs. Danach fühlst du dich nicht mehr knackig. Im Zug kannst du dich entspannen. Außerdem haben wir keinen Nightliner, sondern nur einen rostigen Secondhand-Ambulanzbus.

Von Matthias Lohr

Hildegard lernt fliegen: Samstag, 19.30 Uhr, Kulturzelt Kassel an der Drahtbrücke. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

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