Darf man Kunst hassen? Eine Podiumsdiskussion im Kunstverein

Stritten über Kunst: Ernst D. Lantermann (links), Ann-Christin Schomburg und Christian Saehrendt. Foto: Gebhardt

Kassel. Auf dem Podium sitzen drei Experten, es geht drunter und drüber, vor allem, weil sich das Publikum gründlich einmischt. Irgendwann ist es vorbei, viele sind schon entnervt gegangen, und die Restlichen kratzen sich verwirrt am Kopf: Was war das? War da was?

Der Kunstverein hatte zum Kaffeeklatsch eingeladen, der gar nicht kuschelig wurde: Ann-Christin Schomburg, ehemals Meisterschülerin der Kunsthochschule Kassel und so genanntes It-Girl der hiesigen Kunstszene, das mittlerweile in Berlin lebt und wirkt, Kunstkritiker und Autor Christian Saehrendt, der vor allem mit seinem Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ bekannt geworden ist, sowie Ernst D. Lantermann, bis vor Kurzem Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie an der Uni Kassel. Thema: Die Streitschrift „Kunst hassen. Eine enttäuschte Liebe“ von Nicole Zepter.

Leider hatte die Autorin kurzfristig abgesagt, was Saehrendt zu der einleitenden Bemerkung veranlasste, das sei vielleicht besser so, denn mit Ausnahme von Lantermann fänden sie das Buch ohnehin „doof“. Nach ausführlich zitierter Presseschelte am Buch meldete sich alsbald einer aus dem Publikum, um anzumerken, man solle doch lieber erst einmal Zepters Thesen referieren, bevor diese derart abgekanzelt werde. Ein komischer Vogel mit Hippie-Perücke und Ray-Ban-Brille machte den wirren Einpeitscher - ob das wohl eine Performance war?

Letztlich ging es weniger darum, ob man Kunst hassen dürfe, sondern um den Kunstbetrieb als ein vermeintlich verschwörerisches Kartell von Händlern, Galeristen, Kritikern und Museumsleuten, das in der Lage sei, jede noch so banale Kunst zu etablieren und sich somit vom Publikum, vulgo „Otto Normalverbraucher“, abkoppele. Auch der elaborierte Kunsterklärungsjargon stand zur Kritik. Als schönes Beispiel zitierte Lantermann aus dem verschwurbelten Pressetext der Kunsthalle Fridericianum zur aktuellen Ausstellung „Speculations on Anonymous“. Das hatte schon den Charme von Realsatire.

Das Publikum beteiligte sich rege und sparte nicht mit Kritik an den Diskutanten, die sich sichtlich schwertaten, die vielen Angriffe zu parieren.

Als Saehrendt nach einer guten Stunde das Ende einleitete, stand sofort ein Drittel der Zuhörer auf und ging. Zuletzt brachte es jemand auf den Punkt: „Kunst kann ziemlich aufregend sein, wie man hier sieht.“ Ist doch schön, wenn man sich wenigstens noch über Kunst aufregen kann!

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