„Das ist ein Abenteuer“: Tobias Künzel von der Band Die Prinzen

Auch in der Kirche können sie lustig sein: Die Prinzen mit (von links) Henri Schmidt, Sebastian Krumbiegel, Jens Sembdner, Wolfgang Lenk und Tobias Künzel. Am 13. September gastiert die Leipziger A-cappella-Pop-Band in der Kasseler Marienkirche. Foto: Tine Acke

Angefangen haben die Prinzen als jugendliche Sänger im Leipziger Thomanerchor. Drei Jahrzehnte und sechs Millionen verkaufte Tonträger später tritt die A-cappella-Pop-Band wieder in Kirchen auf - wie am 13. September in der Marienkirche in Kassel-Bettenhausen. Wir sprachen mit Sänger Tobias Künzel (50).

Herr Künzel, wann haben Sie Gotteshäuser wieder für sich entdeckt?

Tobias Künzel: Vor vier Jahren haben wir ein Konzert in der Kirche in Naumburg in Sachsen-Anhalt gegeben. Damals kamen Kirchenkonzerte gerade so auf, und wir waren eine der ersten richtigen Pop-Bands, die das gemacht haben. Unsere Songs kamen richtig gut an. Wir dachten: Das müssen wir ausbauen. Der Unterschied zu normalen Konzerten ist, dass viele Besucher kommen, die nie zu einem Stadion-Konzert von uns gehen würden. Und es kommen Menschen, die nie den Gottesdienst besuchen. Viele Kirchen werden offener und machen Veranstaltungen möglich, damit die Häuser wieder voll werden. Es profitieren beide Seiten.

Was ist das Besondere, wenn Sie in der Kirche auf der Bühne stehen? 

Künzel: Für die Künstler ist das erst mal ein akustisches Abenteuer. Der Sound in einer Kirche ist oft kompliziert. Wir bauen deshalb ein spezielles Lautsprechersystem auf. Jeder wird angestrahlt. Der Sound ist überall gut. Und es ist natürlich auch etwas anderes, ob du in einem Club auftrittst, wo schweinische Zeichen an die Wand des Backstage-Raums gekritzelt sind, oder ob du dich in einer Sakristei auf deinen Auftritt vorbereitest. In der Kirche sind wir auch lustig und locker, aber wir achten darauf, nicht zu flapsig zu sein. Wir begegnen dem Haus mit einem gesunden Respekt.

Sie haben 1987 als Die Herzbuben angefangen und sich 1991 wegen der Wildecker Herzbuben in Die Prinzen umbenannt. Würden Sie manchmal gern noch einmal von vorn anfangen in der heutigen Zeit? 

Künzel: Nein, wir hatten eine tolle Zeit, sehr viel Glück, viele Höhen und einige Tiefen. All das möchte ich nicht missen. Heute ist es für Musiker viel schwieriger. Vor einigen Jahren wurde das Internet unheimlich propagiert, weil nun jeder seine Chance bekomme. Aber es gibt keinen einzigen zusätzlichen Popstar, nur weil es das Internet gibt. Wir haben eine Zeit erlebt, in der eine CD und das Urheberrecht noch etwas wert waren.

Bald jährt sich die Maueröffnung zum 25. Mal. Wissen Sie noch, was Sie am 9. November 1989 gemacht haben? 

Künzel: Ich bin mit meiner damaligen Band in einem Studentenclub in Leipzig aufgetreten. Als ich nach Hause kam, saß meine Frau vor dem Fernseher und sagte: „Die Mauer ist offen.“ Da haben wir natürlich Party gemacht. Am nächsten Tag sind wir ins fränkische Hof gefahren. Von den 100 DM Begrüßungsgeld haben wir 25 für Haribo-Lakritz ausgegeben.

Gibt es heute noch eine deutsch-deutsche Grenze in unseren Köpfen? 

Künzel: Ich denke nicht. Es gibt vielfältige regionale Unterschiede. Der Norden war auch in der DDR anders als der Süden. Und in der Lausitz ist es eben anders als im Ruhrgebiet.

Vermissen Sie die DDR nicht manchmal doch ein bisschen? 

Künzel: Nein. Wenn jemand sagt, früher sei nicht alles schlecht gewesen, dann meint er damit doch vor allem biografische Erlebnisse. Dieser Satz wurde von vielen Ostalgie-Kritikern falsch verstanden. Ich bin dieses Jahr 50 geworden, mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in der DDR verbracht. Da schaut man natürlich zurück und erinnert sich an seine Jugend und die Dinge, die man dort erlebt hat. Aber das System vermisst keiner.

Die Prinzen: 13. September, 20 Uhr, Marienkirche, Kirchgasse 2. Karten: 0561/59178. Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel tritt solo am 20. Oktober in der Adventskirche Vellmar auf.

Zur Person

Tobias Künzel

Geboren: am 26. Mai 1964 in Leipzig

Ausbildung: Schlagzeug- und Gesangsstudium an der Musikhochschule Leipzig

Karriere: Künzel stieß 1991 zu den Prinzen, nachdem er zuvor Schlagzeug in Bands wie Amor & die Kids gespielt hatte. Mit Hits wie „Alles nur geklaut“, 16 Gold- und 6 Platinplatten sind die Prinzen eine der erfolgreichsten deutschen Bands.

Privates: Der Vater zweier erwachsener Töchter lebt mit seiner Frau in Leipzig und London und ist Gastdozent an mehreren Unis.

Von Matthias Lohr

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