Interview: „Zeit“-Redakteur Wolfgang Lechner über Glücksmomente: „Was das Leben reicher macht“

„Das Aussprechen ist wichtig“

Was mein Leben reicher macht“ - so heißt eine Rubrik auf der Leser-Seite der Wochenzeitung „Die Zeit“. Jetzt erscheint eine Auswahl als Buch, herausgegeben von Wolfgang Lechner, der jede Woche aus 100 Zuschriften zehn auswählt. Diese Auswahl treffen zu müssen, findet er „die einzige Schattenseite an diesem Job“.

Sind Sie inzwischen zum Glücksexperten geworden?

Wolfgang Lechner: Ich habe mir zumindest im Zusammenhang mit dem Buch überlegt, was mein eigenes Leben reicher macht. Da fällt mir so viel ein. Das hat mit den Beiträgen der Leser zu tun. Ich gehe mit anderen Augen durchs Leben.

Nennen Sie ein Beispiel?

Lechner: Eine meiner Lieblingseinsendungen stammt von einer Mutter, deren Teenager-Tochter auf dem Weg zu einer Party plötzlich anruft und sagt: Schau mal raus, siehst du diesen wunderbaren Abendhimmel? So was gefällt mir, weil es einen Blick für den anderen zeigt. Man kann Achtsamkeit dazu sagen, man könnte auch sagen: Mit offenen Augen, offenen Sinnen durchs Leben gehen.

Oft wird einem bei der Lektüre warm ums Herz. Die Botschaft ist: Das Glück liegt nah - man muss es nur wahrnehmen.

Lechner: Genau. Manche Leser beschreiben, dass ihnen die Tränen kommen. Das geht mir durchaus auch so.

Ist Glück eine Frage der inneren Haltung? Ob man ein Glas halb voll oder halb leer sieht?

Lechner: Sicher. Das hat zu tun mit positivem Denken. Auch dieser Begriff wurde ja eine Zeit lang sehr gepredigt.

Kann man das lernen?

Lechner: Auf jeden Fall. So, wie man lernen kann zu schauen. Ich habe immer gedacht, ich kann nicht zeichnen und irgendwann angefangen, mir weiche Bleistifte zu kaufen und auf Reisen Skizzen zu machen. Man sieht die Welt dann ganz anders.

Auffällig viel ist von Familie die Rede - auch in Ihrem Beispiel eben. Oft auch über große Distanzen hinweg. Familie war lange nicht sehr angesehen.

Lechner: Mir selbst ist Familie immer sehr wichtig gewesen. Auch die Mehrzahl der Einsendungen beschäftigt sich damit. Ganz, ganz viel kommt von Großeltern, die sich wahnsinnig über Enkel freuen. Bei eigenen Kindern schwingt Sorge mit, über Enkelkinder kann man sich unbefangener freuen. Aber es geht generell oft um das Du, um die Wahrnehmung des anderen Menschen, die Erkenntnis, dass ein Miteinander das Leben bereichert.

Man hat den Eindruck, wenn wir nur ein bisschen aufmerksamer, freundlicher, hilfsbereiter durchs Leben gingen, würde das unser gesellschaftliches Klima schon verbessern. Oft lösen kleine Gesten großes Glück aus.

Lechner: Ja. Aber auch das Aussprechen ist wichtig. Wenn im Laden eine Verkäuferin sagt: Lächeln Sie noch mal, das war so schön. Diese Offenheit, auf Fremde zuzugehen, fehlt uns manchmal, das erleben wir in anderen Kulturen eher.

Viele Menschen empfinden inneren Reichtum trotz Trauer, trotz Krankheit, trotz Behinderung, trotz Verlusten.

Lechner: Ich erinnere mich an die Einsendung eines Vaters, der durch Multiple Sklerose immer schlechter gehen kann, und sein vierjähriges Kind sagt: Komm, Papa, gib mir die Hand, dann fällst du nicht mehr hin. Er sagt, das Kind gebe ihm als 100-Kilo-Mann mehr Halt als jede Gehhilfe. Das ist schon berührend.

Was fast nie vorkommt, sind Berufe. Ist die Arbeit keine Quelle der Bereicherung?

Lechner: Da haben Sie recht. Na ja, hin und wieder kommt es vor ...

Die Dankbarkeit, eine Stelle zu haben.

Lechner: ... oder das Miteinander unter Kollegen. Aber vielen von uns tut es gut zu lernen, Zufriedenheit nicht in erster Linie aus dem Beruf zu ziehen. Ich sehe das als positives Zeichen, dass private Dinge eher vorkommen.

Auch Geld wird eigentlich nie explizit genannt. Weil man darüber nicht spricht? Oder ist Geld keine Quelle des Glücks?

Lechner: Das wäre eine zu vordergründige Seite des Glücks. Natürlich macht eine Erbschaft das Leben reicher, aber die Bereitschaft, das aufzuschreiben, ist nicht groß.

Bisher gab es weit über 1000 Glücksmomente. Glauben Sie, dass die Quelle je versiegt?

Lechner: Dafür sehe ich überhaupt keine Anzeichen.

Wolfgang Lechner: Was mein Leben reicher macht - Glücksmomente aus dem Alltag, Knaur, 224 S., 14,99 Euro, Wertung: !!!!:

Von Mark-Christian von Busse

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