Interview: Liedermacher Konstantin Wecker über böse Banker, Millionenschulden und seine wütende CD

„Das Geld liebt mich nicht“

Der Alt-68er Konstantin Wecker liefert den Soundtrack zu den aktuellen Protesten gegen die Finanzbranche. Auf seinem neuen Album „Wut und Zärtlichkeit“ singt er über böse Banker und die Liebe. Wir sprachen mit dem 64-Jährigen.

Glückwunsch, Herr Wecker, Sie haben es mit Anti-Kapitalismus-Liedern wie „Empört euch“ bis auf Platz 18 der Charts geschafft. Sie sind der erste Gewinner der Krise.

Konstantin Wecker: So kann man es zynisch gesagt auch ausdrücken. Ich freu mich sehr, dass eine Einsicht gekommen ist. 20 Jahre lang war ich wie gelähmt angesichts des Neoliberalismus, dessen Vertreter immer nur die freien Märkte propagierten. Jetzt kapiert auch der Dümmste, dass es fast nur Verlierer gibt. Das ist schon eine kleine Genugtuung für mich. Schließlich wurde ich 20 Jahre als Gutmensch abgetan. Jetzt sagen alle, dass es so nicht weitergehen kann.

Waren Sie bei einer Demonstration dabei?

Wecker: Nein, erst war ich krank, und dann hatte ich Premiere mit meinem neuen Programm. Aber ich war in meinem Leben so oft auf der Straße, dass ich auch mal eine Demo ausfallen lassen darf. Demnächst werde ich wieder dabei sein - ob es gegen Nazis oder böse Banker geht.

Ihre persönliche Finanzkrise dauert schon etwas länger. Sie hatten Millionenschulden. Sind Sie nun aus den Miesen raus?

Wecker: Nein, aber ich bin dabei, ein Ende zu sehen. Ich jammer auch nicht, mir geht es ja trotzdem gut. In meinem Alter ist es halt ein bisschen blöd, wenn man kein Geld hat. Mit 30 war mir das egal. Jetzt fragt man sich schon: Wir lang wirst du noch arbeiten können? Wie lang wirst du deine Familie ernähren können? Das wird von Jahr zu Jahr belastender.

Ihr Kollege und Freund Hannes Wader, der in Kassel lebt, ist ebenfalls pleitegegangen.

Wecker: Wir waren einfach gleich blöd, mit Geld umzugehen. Ich bin heute weniger verschwenderisch als früher, aber ich liebe das Geld immer noch nicht - dann liebt einen das Geld auch nicht. Andererseits hat mich das davor bewahrt, zu einem satten Langweiler zu werden. Ich muss weiterhin 100 Konzerte im Jahr geben. Auf der Bühne zu stehen, ist mir eine große Freude. Ich wäre nicht besonders glücklich, wenn ich irgendwo untätig faulenzen würde.

Auf Ihrem aktuellen Album klingen Sie wütender denn je. Wird man im Alter nicht milde?

Wecker: In gewisser Weise bin ich ja auch milde geworden - in meinen Liebesliedern zum Beispiel. Zugleich habe ich den Sarkasmus für mich entdeckt.

Man könnte auch meinen, dass Sie zum Zyniker geworden sind, wenn Sie in „Die Kanzlerin“ davon singen, dass Ihre Brust für das Dekolleté von Angela Merkel schlägt.

Wecker: Zyniker möchte ich nicht sagen, denn der hat sich aufgegeben - und ich bin immer noch voller Hoffnung. Sarkastisch bin ich deshalb geworden, weil ich bestimmte Themen seit 40 Jahren verfolge, ohne dass sich etwas ändert. Mein Freund Hannes hat bei einem unserer Auftritte gesagt, dass es die Aufgabe des Künstlers ist, etwas zu ahnen, er muss es nicht wissen. Diesen Satz finde ich sehr schön. Ich habe, wie er auch, vieles vorausgeahnt.

Glauben Sie, dass Ihre Lieder die Welt verändern können?

Wecker: Nein, die Lieder nicht. Man muss die Frage anders stellen. Wenn es Leute wie mich und Hannes und so viele andere Mosaiksteinchen nicht gäbe, sähe die Welt noch sehr viel beschissener aus. Verändern kann man die Gesellschaft insofern, als man Menschen Mut macht.

Trotz aller Protestlieder singen Sie auf dem neuen Album auch sehr einfühlsam von der Liebe. Wieso gehören Wut und Zärtlichkeit zusammen?

Wecker: Beides ist überhaupt nicht zu trennen, sonst würden wir uns belügen. Am liebsten würde ich nur Liebeslieder schreiben. Zwischendurch packt es mich, und ich bekomme einen Groll. Die Kanzlerin aufs Korn zu nehmen, macht einfach auch sehr viel Spaß.

Denken Sie, dass die von Ihnen unterstützten Proteste etwas bewirken können?

Wecker: Ich hoffe. Manche kreiden der Bewegung an, dass sie nicht genau wisse, was sie will. Genau das ist aber sehr spannend. Man ist gerade erst dabei, sich zu finden. Es gibt keine feste Ideologie. Als Alt-68er finde ich das toll. Denn letztlich sind wir an zu viel Ideologie gescheitert.

Konstantin Wecker: Wut und Zärtlichkeit (Sturm und Klang / Alive). Wertung: !!!!:

Von Matthias Lohr

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