Neue Saison mit vier Premieren

Interview mit Erich Sidler: „Das ist ein Glaubensbekenntnis"

Göttingen. In vier großen Auftaktpremieren fächert der neue Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen die Vielfalt der Theaterformen auf. Am Freitag beginnt die Saison mit einer vom 49-jährigen Schweizer Erich Sidler selbst inszenierten Uraufführung: Rebekka Kricheldorfs „Homo Empathicus“.

Das Stück spielt in einer Welt, in der es keine diskriminierenden Unterscheidungen zwischen Menschen geben soll. Wie kamen Sie darauf? 

Erich Sidler: Rebekka Kricheldorf und ich haben überlegt, was Sprache kann. Klar ist, dass Sprache unser Denken beeinflusst. Political Correctness betont dies auch, sagt etwa, dass man hierarchische Verhältnisse eliminieren kann, wenn man entsprechende Begriffe aus der Sprache nimmt. Die Uni Leipzig hat 2013 die Regelung eingeführt, dass es in ihrer Grundordnung nur noch den weiblichen Begriff Professorin gibt. Völlig absurd. Theater glaubt auch an die Sprache. Wir haben gedacht, es wäre interessant, durchzuexerzieren, was passiert, wenn wir das politisch Korrekte verwirklicht haben. Wir streben nach Sicherheit, ich glaube aber, dass es im Leben letzte Sicherheit nicht gibt.

Geht es beim Streben nach Sicherheit denn auch um Political Correctness? 

Sidler: Ja natürlich. Hässlich gibt es nicht, hässliche Menschen gibt es nicht mehr, weil es das Wort nicht mehr gibt.

Dieses ganze Weiche, Herrschaftsfreie kann also in Dogmatismus umschlagen, im Extremfall in Ideologien? 

Sidler: Ja, Dogmatiker streben nach höchster Eindeutigkeit. Wir stellen die Frage, wieviel Struktur eine Gesellschaft braucht. Kricheldorf hat dazu eine Utopie entworfen und spielt das durch.

Kricheldorf ist, auch durch ihre Stücke am Kasseler Staatstheater, bekannt für ihren eigenen Umgang mit Sprache. Wie würden Sie den beschreiben? 

Sidler:  Sie entwirft eine Kunstsprache, die aber sehr nah an unserer Alltagssprache ist. Man bemerkt das System erst auf den zweiten Blick. Ganz leise verändert sie die Mechanik, die Stellung der Wörter. Und sie entwickelt neue Begriffe für das System: Einen Totengräber gibt es hier nicht mehr, das wäre ja negativ. Der heißt nun „Erdbettendes“.

Alle 26 Ensemblemitglieder spielen mit. Wie geht das? 

Sidler: Im Stück wachsen die Menschen quasi zu einem Gesellschaftskörper zusammen. Neben der Sprachebene haben wir also eine weitere Ebene eingezogen, die der Bewegung. Das mit dem neuen Ensemble zu proben, ist auch fürs Team bereichernd.

Man öffnet sich einander? 

Sidler: Auf jeden Fall. Es ist interessant, was passiert, wenn die täglich mit dem Choreografen trainieren und sich andauernd anfassen.

Kontrast ist das Musical „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. 

Sidler: Wir wollen in Göttingen weiterhin musikalisches Schauspiel anbieten, nicht unbedingt Musical. Mark Twains Geschichte ist großartig, eine Initiation. Es geht um Erinnerung, die für uns Menschen ganz wichtig ist. Ebenso wie fürs Theater. Wenn wir ins Theater gehen, denken wir übers Leben nach.

Erich Sidler: 

Der 49-jährige Luzerner Erich Sidler ist neuer Intendant des Deutschen Theaters in Göttingen. Sidler inszenierte bereits in der Universitätsstadt: das Fußballstück „Alle 16 Jahre im Sommer“. Er studierte Kunstgeschichte und Regie in Zürich. Berufliche Stationen: Hannover, Mannheim, Stuttgart, Essen, Linz, Berlin, Basel und Zürich. 2001 wurde er Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart. 2007 bis 2012 leitete Sidler das Schauspiel am Stadttheater Bern. Er lebt in einer Partnerschaft. Auf dem Foto sitzt er auf Polstern im neu gestalteten Theaterfoyer.

Ist das auch für Erwachsene?

Sidler: Ja. Wenn der alte Tom im Stück zurückblickt und sich erinnert, erzählt das viel über die Frage, wie sich Liebe manifestiert. Er erinnert sich zum Beispiel an eine Berührung und wir verstehen: Liebe ist eben nicht die Euphorie für den Partner, es sind die kleinen Gesten. Und natürlich ist Toms Liebesfähigkeit als Erwachsener geprägt von seiner Kinderfreundschaft mit Huck, die ja eigentlich auch Liebe war.

Ganz anders ist Kleists Erzählung „Das Erdbeben von Chili“.

Sidler: Aber auch das ist eine Utopie: Die Liebe kann es nur im zerstörten Santiago de Chile geben. Hier erzählt ein Mensch allein, die 76-jährige DDR-Schauspielerin Monika Lennartz, eine Geschichte. Wir erleben, wie Geschichtenerzählen, wie Geschichte entsteht. Es ist nötig, ein Repertoire an Geschichten zu haben, um das Leben abzubilden. Daran glauben wir. Das ist ein Glaubensbekenntnis. Deshalb nutzen wir auch den großen Theaterraum, nicht die Studiobühne.

Mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ bieten Sie dann einen Komödienklassiker. 

Sidler: Ja, da erfüllen wir die Konventionen. Wir haben das inszenatorisch so angelegt, dass die neuen Ensemblemitglieder die Liebenden spielen. Die Darsteller, die das Publikum schon ewig kennt, spielen die Handwerker. Das passt.

Und die Elfenkönige?

Sidler: Das kann ich nicht vorwegnehmen, für die hatte der Regisseur eine tolle Idee.

Von Bettina Fraschke

 

Karten: 0551-496911.

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