Spektakulärste Aktion der Kulturhauptstadt Ruhr 2010: A 40 zwischen Dortmund und Duisburg wird am Sonntag gesperrt

Riesiges Straßenfest auf der Autobahn

So bunt könnte es werden: Zeichnung zum Neugierigmachen - Eine Fahrbahn ist für Radler, auf einer ist Platz für Tische und Aktionen.

Autos müssen draußen bleiben. Es wird das größte Projekt des Kulturhauptstadtjahrs Ruhr 2010: An diesem Sonntag wird die Autobahn 40, der berüchtigte Ruhrschnellweg, gesperrt. Auf 60 Kilometern Länge geht für motorisierten Verkehr zwischen 11 und 17 Uhr nichts.

Stattdessen werden Tische aufgebaut. Blaskapellen und Sportvereine, Künstler und Familien präsentieren sich. Das Spektakel, bei dem mehr als eine Million Besucher erwartet werden, ist nicht-gewerblich und soll, so Kulturhauptstadt-Intendant Fritz Pleitgen, „emotionaler Gründungsmoment der Metropole Ruhr“ werden. Doch was soll da passieren, und wie plant man so etwas? Wir sprachen mit Organisationsleiter Ralph Kindel.

Was zeichnet den Ruhrschnellweg aus?

Ralph Kindel: Früher war das eine der wichtigsten Handelsstraßen von Nischni Nowgorod nach Spanien: der Hellweg. Später wurde er zur B 1 und dann zur Autobahn. Die A 40 ist die meistbefahrene Autobahn in Deutschland. Obwohl: Manche würden widersprechen - von Befahren kann oft keine Rede sein. Jeder hat eine Hassliebe zum Ruhrschnellweg.

Sie sperren 60 Kilometer Autobahn - wird in der Region alles zusammenbrechen?

Kindel: Nein. Auch wenn wir in NRW das erste Ferienwochenende haben. Denn es ist eine Strecke, die nur Städte verbindet. Alle Ruhrgebietler kennen Schleichwege zu den Fernverbindungen.

Seit wann arbeiten Sie daran?

Kindel: Seit Herbst 2009. Es sind zwei Bezirksregierungen und sieben Anrainerstädte beteiligt, in deren Verwaltungen arbeiten 100 Leute an dem Projekt. Das ist einzigartig.

Service: So kommen sie hin

Über die 38 Autobahn-Auffahrten auf 60 Kilometern kann das Projekt besucht werden. Die Spur Richtung Dortmund ist für Radler und Skater, auf der Spur Richtung Duisburg stehen Tische und Bänke. Im Internet präsentieren sich die Teilnehmer, die eine Aktion planen: www.ruhr2010.still-leben-ruhrschnellweg.de/deutsch/wir-sind-dabei/

Karte:

Und hier gibt es eine Karte

Wie kann man so eine spektakuläre Aktion proben?

Kindel: Wir arbeiten in Abschnitten von einem Kilometer. Im September hatten wir eine Stellprobe auf einem Parkplatz, da hat beim Aufbau alles geklappt, beim Abbau nichts. Das Verzurren der Tische hat dreieinhalb statt zwei Stunden gedauert. Für die Probe, zur Originalzeit nachts am Originalort, hatten wir dann mehr Gabelstapler und Helfer. Doch dort stellten wir fest, dass es zu lang dauert, Aufkleber auf die Tische zu kleben. Viele haben diese Probe für einen PR-Gag gehalten, aber wir haben viele Erkenntnisse gewonnen, zum Beispiel ein System, die richtigen Abstände zwischen den Tischen zu lassen. Wenn da nur einer falsch misst, geht alles schief.

Für 20 000 Tische konnten sich Initiativen bewerben. Hatten Sie Sorge, dass genug mitmachen?

Kindel: Als wir die vierte Anmeldung bekommen haben, wusste ich, dass es klappt.

Die Aktion soll ein Gipfeltreffen der Alltagskultur sein. Was wollen Sie erreichen?

Kindel: Lärmschutzwälle zerschneiden die Städte. Wir wollen Menschen zusammenbringen und die über 170 Nationen zeigen, die hier leben. Wir bilden das wahre Leben ab. Da ist der klassische Taubenvater mit seinen Tieren, da sind Streetdance-Jugendliche, da sitzen Dortmund- und Schalkefans an einem Tisch.

Welche Vorhaben haben Sie besonders überrascht?

Kindel: Das Thema Hochzeit. Es gibt wirklich Paare, die auf der Strecke heiraten wollen.

Was macht denn die Autobahn-Faszination aus?

Kindel: Wir Deutschen wollen seit der Ölkrise 1973 unbedingt drauf: zu Fuß oder per Rad.

Wie erlebt man Still-Leben?

Kindel: Entweder als Teilnehmer mit einem Tisch oder sportlich mit dem Rad die Strecke abfahrend oder als Flaneur, der einfach schaut.

Ihre Empfehlungen?

Kindel: Um Essen wird es sehr voll, in ländlicheren Gegenden weniger. Auf www.ruhr2010.de ist zu jeder Auffahrt vermerkt, welche Parkplätze oder Bahnhöfe in der Nähe sind. Wichtig sind Sonnencreme und Entspanntsein. Nicht vergessen: Es ist ein Tag der Freude. Wir feiern das größte Straßenfest der Welt.

Von Bettina Fraschke

Zur Person:

"Wenn Sie zu Still-Leben kommen: Ich bin der mit den Augenringen“, sagt Ralph Kindel (41, liiert, kinderlos). Er wurde in Essen geboren und studierte dort. Der Organisationsleiter ist am Sonntag ab sieben Uhr in der Einsatzzentrale. Per Hubschrauber geht es zu den beiden Startpunkten. Tagsüber ist Kindel überall, besonders ab 17 Uhr, wenn die Straße geräumt werden muss.

Um zwei Uhr nachts wird die Strecke wieder übernommen. Kindel freut sich dann darauf, um fünf Uhr früh mit Kollegen an der Strecke zu stehen, auf das erste Auto zu warten und ein Bier zu trinken. Danach wird noch mit dem Team gegrillt. (fra)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.