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„Das Kalkwerk“ nach Thomas Bernhard: Experimente in der Ehehölle

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Echte Menschen in bunt bemalter, künstlicher Gruselkulisse: Sandro Sutalo (links) und Jonathan Stolze.
Echte Menschen in bunt bemalter, künstlicher Gruselkulisse: Sandro Sutalo (links) und Jonathan Stolze. © Thomas Müller

Kassel – Jan Friedrich hat als Gastregisseur am Kasseler Staatstheater den Roman „Das Kalkwerk“ von Thomas Bernhard in seiner eigenen Stückfassung auf die Bühne des TiF gebracht.

„Das Kalkwerk“, nach dem Roman von Thomas Bernhard aus dem Jahr 1970. Das klingt merkwürdig fern, grau, staubig, monoton, vielleicht besonders, wenn man die endlosen Empörungsschleifen Bernhard’scher Prosa im Sinn hat.

Was aber Gastregisseur Jan Friedrich am Samstagabend mit der Inszenierung seiner eigenen Stückfassung des Buchs auf die Bühne des Kasseler Theaters im Fridericianum (TiF) gebracht hat, ist alles andere als eintönig und verstaubt: nämlich opulent, bunt und schrill.

Das Geschehen rückt den Besuchern sogleich auf die Pelle: Das Publikum sitzt auf der von Alexandre Corazzola eingerichteten Bühne, von drei Seiten umschließt die Kulisse die Zuschauer. Anfangs übertragen, mit einigen aufgezeichneten Szenen, mehrere fest installierte sowie eine tragbare Kamera (Samuel Nerl), was hinter den Fachwerkwänden geschieht. Etwa 20 Minuten, zuletzt ziemlich langatmig, dauert die sechskanalige Projektion, bis ein erstes Gefach geöffnet und der Blick frei wird auf die Schauspieler, die mit weiß geschminkten und bunt bemalten Gesichtern und in übergroßer, steifer, bemalter Kleidung wie in einer Nosferatu-Kulisse agieren (Kostüme: ebenfalls Jan Friedrich). Auch an die expressionistische Bildsprache von Max Beckmann lässt sich denken, gerade an sein letztes Gemälde „Hinter der Bühne“.

„Das Kalkwerk“ ist in tiefstem schwarzen Humor grundierter Horror: Ein Ehepaar hat sich in absolute Isolation zurückgezogen. Er, Konrad, arbeitet seit Jahren an einer ominösen Studie zum Gehör, traktiert seine pflegebedürftige Frau über Stunden mit Experimenten. Das Stück, vor allem zu Beginn konsequent in indirekter Rede des Berichts erzählt, setzt ein, als die Frau bereits erschossen worden ist.

Marcel-Jacqueline Gisdol, Johann Jürgens, Aljoscha Langel, Jonathan Stolze, Sandro Sutalo – sie alle spielen im Wechsel beide Figuren, wie auch den „Baurat“, den einzigen „Menschenumgang“, der den Wissenschaftler mit Lächerlichkeiten wie Wegbegradigungen abhält, seine bahnbrechende Studie nur endlich niederzuschreiben. Dieses ewige Nicht-fertig-werden-können, es ist ein so prägendes Motiv wie das Wehrlos- und Gefangensein in der waffenstarrenden, wahnhaften Abgeschiedenheit und Einsamkeit dieser Ehehölle, das Sich-Aufopfern, die grausame Rücksichtslosigkeit, alles einem ultimativen Ziel unterzuordnen.

Wenn Konrad über die Lügen spricht, in denen die Menschen leben, dass nur er die Wahrheit aufdeckt, wenn er überall Feinde wittert und gegen den „verkommenen Staatsapparat“ wettert, ist die Vorlage in Pandemiezeiten erschreckend aktuell. Jan Friedrichs üppige Inszenierung stellt diese Parallelen aber nicht plakativ aus. Wo so viel von Lärm, von Kratz-, Bohr-, Schlaggeräuschen die Rede ist, arbeitet das Stück selbst mit einem feinen Sensorium für Akustik – beim Quietschen, Knarren, dem Knistern einer Schallplatte, bei Geschrei und Gesang (Musik: Nicki Frenking). Auch die schauspielerische Präzision, Konzentration und Energie – etwa bei einem nicht enden wollenden Monolog von Aljoscha Langel – wurde mit jubelndem Beifall belohnt.

Wieder am 8., 15., 29.10.,12., 27.11., Karten: Tel. 05 61/10 94-222, staatstheater-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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