HNA-Interview

„Das ist kein Befindlichkeitsporno“: Moritz Bleibtreu über den Film „Stereo“

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In dem Mystery-Thriller „Stereo“ liefert sich Moritz Bleibtreu (42) erstmals ein Hauptrollen-Duell mit seinem Kollegen Jürgen Vogel (46). Ab Donnerstag sind die zwei erfolgreichsten deutschen Schauspieler ihrer Generation im Kino zu sehen.

„Schwerkraft“-Regisseur Maximilian Erlenwein entspinnt ein bildgewaltiges und actionreiches Spiel mit der Schizophrenie, in dem Bleibtreu die düstere Seite des von Vogel dargestellten Charakters verkörpert. Wir sprachen mit dem Sohn der Schauspielerin Monica Bleibtreu.

Herr Bleibtreu, was muss man anbieten, um Sie und Jürgen Vogel gemeinsam vor die Kamera zu bekommen? 

Moritz Bleibtreu: „Stereo“ geht da schon mal in die richtige Richtung. Viel mehr braucht es nicht. Momentan ist unser heimisches Kino im Begriff, in Richtung dieser „Befindlichkeitspornografie“ abzudriften. Mir hat es wahnsinnig gut gefallen, dass dieser Film eine knackharte Geschichte entgegensetzt, die sich über Figuren definiert, gleichzeitig aber auch irre visuell ist. Es wird viel über Menschen und ihre Abgründe erzählt. Der Film biedert sich nicht an. Er hat eine ganz klare Eigenständigkeit. „Stereo“ macht Spaß. Das hat mich begeistert und ich glaube, Jürgen sieht das nicht viel anders.

Teilen Sie eine ähnliche Sicht auf den Beruf? 

Bleibtreu: Das denke ich schon. Jürgen und ich haben eine sehr ähnliche Einstellung. Dabei ist gar nicht mal entscheidend, was gemacht wird. Das Wie ist viel interessanter, der Umgang mit bestimmten Dingen. Daraus zieht der Film auch einen Teil seiner Kraft. Man merkt, dass da zwei aufeinander losgelassen werden, die in derselben Tonlage fiedeln.

War die Zusammenarbeit ein schauspielerischer Wettkampf im positiven Sinne, ein gegenseitiges Pushen? 

Bleibtreu: Nee. So etwas wie Konkurrenz oder Wettkampf gibt es bei uns gar nicht. Wettbewerb erlauben wir uns in Deutschland höchstens beim Sport, und dann wird es schnell aggressiv. In Amerika ist alles „Competition“, es macht die Gesellschaft und auch das Kino aus. Alles ist Teamwork und Konkurrenz gleichzeitig. Auf der einen Seite steht man hundertprozentig füreinander ein, auf der anderen Seite ist man immer auch Konkurrent. Die Arbeit an „Stereo“ war wie ein geiles Tennisspiel, bei dem man die langen Bälle nicht schlägt, um zu gewinnen, sondern um die Reaktion des Gegenübers voll zu genießen. Diese Ballwechsel schaukeln die Kreativität hoch. Das ist keine Konkurrenz, sondern Aufmerksamkeit und Spaß an dem, was vom anderen kommt.

Inwiefern ist der Beruf des Schauspielers schizophren? 

Bleibtreu: Die Frage ist durchaus berechtigt. Für mich gibt es zwei Arten von Schauspielern. Die einen betreiben bis zu einem gewissen Maß eine Realitätsflucht. Nicht aus Spaß, sondern aus einer Notwendigkeit heraus. Sie hadern mit ihrem eigenen Leben und ihrem Ich. Sie flüchten sich in andere Persönlichkeiten, um einen Abstand zu sich selbst zu gewinnen und sich auch selbst zu reflektieren. Und dann gibt es die, die zwar auch eine Realitätsflucht betreiben, aber aus Spaßgründen. Zu denen gehören Jürgen und ich. Wir sind Schauspieler, die eine Neugier haben und wissen wollen, warum Menschen so funktionieren. Warum sind sie so kaputt, wie sie sind, aber gleichzeitig auch so toll?

Glauben Sie, dass Menschen ausschließlich von ihrer Umwelt geprägt werden oder dass das Böse manchmal auch Veranlagung ist? 

Bleibtreu: Natürlich steckt in jedem von uns Aggressionspotenzial. Die Frage ist, wie stark es in deiner Persönlichkeit vorhanden ist. Das hat natürlich ganz viel mit Prägung zu tun. Natürlich gibt es Unterschiede, wie impulsiv, temperamentvoll oder emotional ein Mensch gestrickt ist. Aber die Art und Weise, wie das später Einfluss auf dich und dein Leben nimmt, hat fast ausschließlich mit Prägung zu tun. Wenn du dein Leben lang nur auf die Schnauze gekriegt hast, wird es dir schwerfallen, Streicheleinheiten zu geben.

Welcher war der wichtigste Ratschlag fürs Leben, den Ihnen Ihre Mutter mit auf den Weg gegeben hat? 

Bleibtreu: Gefühl ist alles. Immer bar zahlen. Und: Dein größter Feind ist die Eitelkeit.

Von André Wesche

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