„Das Leben der Bohème“ nach dem Film von Aki Kaurismäki am Kasseler Staatstheater

Antihelden in Perücken: Bernd Hölscher (Marcel, von links), Daniel Scholz (Rodolfo) und Enrique Keil (Schaunard). Foto:  Klinger

Kassel. Rodolfo ist einer der hässlichsten Männer von Paris. Meinen die Frauen. Der albanische Maler mit der Nana-Mouskouri-Frisur trägt einen schlumpfblauen Anzug mit zu kurzer Krawatte. Wenn er trinkt, was nicht eben selten vorkommt, flutschen ihm fremdländisch klingende Brocken über die Zunge.

Weitere Termine

Wieder am 17., 26.3., tif, Theater im Fridericianum, Karten: 0561-1094-222.

Daniel Scholz spielt am Kasseler Staatstheater diesen Rodolfo mit versteinerter Melancholie. Martin Schulzes inszeniert das Stück „Das Leben der Bohème“ nach dem Film von Aki Kaurismäki. Am Sonntag war die viel beklatschte Premiere auf der Studiobühne tif. Scholz ist würdiger Nachfolger des großen Kaurismäki-Darstellers Matti Pellonpää - der manngewordenen finnischen Schwermut, dessen Blick allein den Eintrag für Lebensfreude aus dem Lexikon löschen konnte.

Rodolfo ist von der Kargheit seiner Existenz und der Schmach der Nichtbeachtung der Damenwelt innerlich vergletschert. Daniel Scholz bewegt sich wie ferngesteuert, im starren Gesicht kreisen nur die unruhigen Augen.

Rodolfos Freunden Schriftsteller Marcel (Bernd Hölscher) und Komponist Schaunard (Enrique Keil) geht es nicht anders. Man ist arm, kann die Miete nicht bezahlen, künstlerisch kommen die beiden ebenfalls nicht gerade auf einen grünen Zweig, auch wenn Schaunard sich noch so oft ans Klavier setzt und den imaginären Frack theatralisch nach hinten wirft, auch wenn Marcel sogar mal eine Anstellung ergattert.

Enrique Keil stakst mit den cool gemeinten, aber längst abgewrackten Westernstiefeln wie ein Roboter über die Bühne, den Kopf vorgestreckt wie ein Reptil in Angriffstellung. Bernd Hölscher sucht ständig Halt an den zu kurzen, zu engen Sakkoschößen und streicht unentwegt die Strähnen aus der Stirn. Drei tragische Clowns mit unfassbar tollen Perücken (Ausstattung: Ulrike Obermüller).

„Das Leben der Bohème“ erzählt vom falschen Leben im falschen, von Menschen, die sich mit schnöder Lebensrealität nicht auseinandersetzen können. Gibt es einen Vorschuss, wird der verprasst für Pelze, Auto, Restaurant. Kann man immer toll begründen.

Martin Schulze inszeniert einen tragikomischen Abend mit viel Sinn für den Sprachwitz der Vorlage. Den Antihelden stellt er einen Chor gegenüber: Björn Bonn, Matthias Fuchs und Thomas Sprekelsen im Oberkellner-Dress spielen die anderen Rollen und sind Erzähler. Geschmeidige Gegenüber auf dem rechteckigen Bühnenpodest, in dem Klappen geöffnet werden können.

Alina Rank als sporadisch auftauchende Mimi - Rodolfos unglückliche Liebe - ist zwar Katalysator für Momente des Glücks und immer tiefere Verzweiflung, bleibt als eigenständige Figur aber blass.

„Küsst mich die Muse will ich tanzen / nicht unbedingt, aber vielleicht“: Musiker Dirk Raulf hat diesen Liedtext der Einstürzenden Neubauten als gesungene Wiederholungsschleife für den Abend ausgesucht. Das Leben im Vielleicht. Wo der 110-Minuten-Abend die Tragikomik ausbalanciert, macht er viel Spaß. Wo das Tragische regiemäßig mit Extrabedeutung aufgeladen werden soll und gar am Ende in einer Art Meta-Ebene die Schauspieler ihre Rollen verlassen, kippt das Gesamtbild.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.