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The Dark Tenor über Klassik: Das war der Rock ’n’ Roll seiner Zeit - Ein Interview

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Von: Kirsten Ammermüller

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Billy Andrews ist The Dark Tenor
Ist als The Dark Tenor bekannt: Billy Andrews. © Billy Andrews/NH

„Klassik ist cool“, sagt Billy Andrews und tritt mit seinem Pseudonym The Dark Tenor den Beweis an. In einem lebendigen Mix vereint er bekannte klassische Werke mit Pop-Elementen. In unserer Zeitung erzählt er von seiner Mission.

Kassel – Am Sonntag, 4.12., gibt der Musiker eine Konzert in der Kreuzkirche in Kassel.

In Ihrem Video zu „Out Of The Darkness“ findet sich Beethoven in einem Club in Berlin wieder, wirkt erst verstört und entdeckt dann nach und nach die heutige Welt. Ist das die Geschichte für Ihre Musik?

Absolut. In meiner Musik geht es darum, Dinge miteinander zu verbinden, die auf den ersten Blick nicht zusammengehören, um etwas Neues zu kreieren und meine Mission zu erfüllen, Klassik für alle zugänglich zu machen. Ich nehme also beispielsweise für den Song „Out Of The Darkness“ Beethovens „Für Elise“ und verbinde dies mit Elementen zeitgenössischer Kompositionen und Instrumenten. Dadurch versuche ich, die Begeisterung für Klassik auf moderne Art und Weise in jedem zu erregen.

Mit Instrumenten, wie das?

Ich habe mich in der Pandemie auch mit dem 3D-Druck-Verfahren zu klassischen Instrumenten auseinandergesetzt und habe das erste 3D-gedruckte Cello entwickelt. Das heißt, die Idee, Altes mit Neuem zu verbinden, ist nicht nur musikalisch vorhanden, sondern auch im Bereich der Instrumente für die Bühne und dann auch später für Menschen, die Cello lernen wollen.

Und wie klingt das?

Wir waren selbst völlig überrascht. Angefangen haben wir mit einer Geige, die 3D gedruckt wurde, um uns ein bisschen ranzutasten – man braucht einen kleineren Drucker und weniger Material. Und das habe ich dann meiner Mutter gegeben, die Geigerin ist. Sie selbst war auch sehr überrascht davon, wie gut das tatsächlich klang und dann haben wir uns ans Cello gewagt. Gemeinsam mit meinem Cellisten, der in meiner Band spielt, mit einem Cellobauer und den Jungs von der 3D Firma „Überdruck 3D“ in Berlin, haben wir das Projekt realisiert und einen Prototypen hergestellt, der 72 Stunden im Druck braucht und plus LEDs auch leuchten kann – daran bin ich schuld, weil ich ein bisschen durchgedreht bin und ganz viele Ideen hatte und es unbedingt für die Bühne noch zum leuchten bringen wollte.

Sie haben eine klassische Ausbildung – ist das die Grundlage, Klassik zugänglich machen zu wollen?

Ich glaube, dass ich so viel Zeit in der Klassik verbracht habe, hat auf jeden Fall dazu beigetragen, die Notwendigkeit zu sehen. Ich habe acht Jahre im Dresdener Kreuzchor gesungen, zwei Jahre an der Semperoper im Chor. Da ist mir klar geworden, dass das Momentum für klassische Musik bei vielen einfach nicht vorhanden ist. Außerdem ermutigen die Ticketpreise auch nicht, in die Oper zu gehen. Und aus der Klassik kommend, habe ich mir gedacht, das ist doch so geile Musik – das war der Rock ’n’ Roll, der Pop und der Punk seiner Zeit, warum ist das für so viele Menschen nicht zugänglich?

Wäre Ihre Mission also erfüllt, wenn Konzertbesucher sich anschließend auch Beethoven, Bach und Co. Auf ihre Playlist packen?

Definitiv. Oder auch, wenn Menschen danach sagen, jetzt lerne ich Klavier. Meine Tochter hat dadurch, dass sie die Musik kennengelernt hat, Lust in den Chor zu gehen oder doch mal Mozart anzuhören. Ich bekomme auch von Fans Fotos zugeschickt, wie ihre Kids einen Vortrag über Mozart halten müssen, darauf aber ganz viel Lust haben und dann ein T-Shirt von mir anziehen, da ist Mozart mit einer Lederjacke drauf. Und das freut mich, weil die einen Vortrag halten, so wie Mozart das gewollt hätte. Er war ein absoluter Lebemann, hat seine ganze Kohle aus dem Fenster geschmissen, war spielsüchtig und hat einfach sehr frei gelebt und dann zu sehen, dass Kids das auch so präsentieren, finde ich großartig.

Und eigentlich sollte man da auch festhalten, dass die großen Meister damals auch ihrer Zeit voraus waren und ihre Musik immer erst einmal für Verwunderung gesorgt hat, oder?

Auf jeden Fall. Mit Mozart haben wir jemanden, der sein Leben lang Musik gemacht hat und dabei auch ein bisschen irre war – er hat das als Spiel gesehen. Und wenn man sich jetzt das „Dies Irae“ aus dem Mozart Requiem nimmt und sich vorstellt, wie die Leute in dem Saal gesessen haben, die müssen völlig platt gewesen sein, als das „Dies Irae“ (singt) kam. Man hat damals auch keine Musik-Dauer-Berieselung gehabt, sondern nur Straßenmusik oder wie bei Schubert die Schubertiade, wo die Leute Klaviersessions gemacht haben. Es gab einfach kein Spotify. Von daher ist für mich die Frage, wie hat sich das damals für die Menschen angefühlt, als sie ein „Dies Irae“ um die Ohren geblasen bekommen haben und dieses Gefühl versuche ich in meinen Konzerten wieder herzustellen.

Dunkelheit ist ein wiederkehrendes Motiv. Was ist die Bedeutung für Sie?

Es ist weniger die Dunkelheit, als das Drama. Als ich 2014 mit The Dark Tenor angefangen habe, habe ich mir überlegt, wie kann ich die Begeisterung bei den Menschen wecken. Ich wollte nicht einfach der nächste tätowierte Tenor sein, ich wollte die Menschen durch etwas aufmerksam machen, das es so noch nicht gab. Deshalb war ich früher auch komplett maskiert. Das hatte eine sehr mystische Visualität, sodass ich als Gothic identifiziert wurde. Mittlerweile sind wir ganz gut bei „Classic meets Rock“ angekommen.

Zum Thema Ticketpreise: Sie bieten auf Ihrer Homepage Ihren Fans auch kostenlose Livestreams an, warum?

Das ist tatsächlich ein großer Teil meiner Arbeit, den ich hier aus meinem Wohnzimmer in Berlin-Pankow heraus mache. Und natürlich kann ich Tournee-Konzerte nicht kostenlos anbieten, weil ich gerade jetzt, wo die Preise nach oben fliegen, die Personalkosten oder auch die für einen Bus, der über 30 Prozent teurer geworden ist, tragen muss. Ich versuche zu fördern, wo ich kann.

Ein großer Balance-Akt?

Ja, man sagt: Eine Gesellschaft ist so viel wert, wie sie ihre Kunst und Kultur behandelt. Und die Pandemie war da schon sehr heftig. Bei den Live-Streams kann man quasi einen Euro dazugeben, bekommt dann einen Desktop-Schoner oder Handyhintergrund dazu geschenkt, wenn man das möchte, aber wenn man nicht zahlen kann, dann muss man das nicht und es ist auch völlig in Ordnung. Am Ende geht es einfach um Wertschätzung.

Worauf darf Kassel sich denn freuen?

Entgegen der Tournee, die wir spielen und die gar nichts mit Weihnachten zu tun hat, gibt es in Kassel meine alljährlich wiederkehrenden akustischen Weihnachten, die ich normalerweise nur in Berlin spiele – im Trio mit Cello, Piano und Gesang. Es gibt nur Weihnachtslieder, eigene Stücke, aber auch die großen Klassiker. Da freue ich mich ganz besonders drauf, denn ich liebe Weihnachten.

The Dark Tenor live in Kassel

The Dark Tenor, 4.12., 20 Uhr Kreuzkirche Kassel, Luisenstraße 13, Tickets: eventim.de Heute erscheint das Jubiläumsalbum „10 Jahre The Dark Tenor“.

Heute erscheint das Jubiläumsalbum „10 Jahre The Dark Tenor“.

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