Nickel über den Universalgelehrten Hans-Jürgen von der Wense als Wanderer

„Das waren Gewaltmärsche“

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„Das Wandern ist sein Leben überhaupt“: Hans-Jürgen von der Wense in der Landschaft. Über 20 000 Kilometer hat der Universalgelehrte von Kassel und Göttingen aus zu Fuß zurückgelegt.

Er war Schriftsteller, Übersetzer, Komponist, Fotograf, interessiert an Völkerkunde, Geologie, Meteorologie, Astronomie: der Enzyklopädist Hans-Jürgen von der Wense (1894-1966). Als „Privatgelehrter“, von Mäzenen unterstützt, lebte er in Kassel und Göttingen.

Wense publizierte so gut wie nichts, aber in seinem Nachlass in der Kasseler Universitätsbibliothek warten 30.000 bis 40.000 Blätter darauf, erschlossen zu werden.

Eine Tagung in Kassel beschäftigt sich ab Freitag mit Wenses größter Leidenschaft, dem Wandern. Mehr als 20.000 Kilometer legte er in Nordhessen und Südniedersachsen zurück - in Knickerbockern, mit Messtischblatt, Lupe, Aktentasche. Ein Gespräch mit Mitorganisator Karl-Heinz Nickel.

Was fasziniert Sie an Wense?

Karl-Heinz Nickel: Als wir uns in Löffingen bei Prof. Dr. Heim, Wenses Freund, zum ersten Mal den Nachlass ansahen, war ich völlig baff. Vor allem stellte ich fest, dass er unglaublich viel über Kassel und die Umgebung geschrieben hat. 1932 bis ’40 hatte er hier gelebt. Da wurden wir sofort aktiv. Der Nachlass sollte ins Literaturarchiv nach Marbach gehen, der Vertrag war schon fertig. Aber Axel Halle (Leiter der Universitätsbibliothek, d. Red.) hat es geschafft, ihn nach Kassel zu holen. Wense hatte eine ganz eigene, besondere Sicht auf dieses Kassel – und das ist faszinierend.

Wense hat viele Facetten. Welcher Wense ist für Sie am spannendsten?

Nickel: Der literarische. Das, was er sprachlich geschaffen hat. Seine Briefe sind manchmal Abhandlungen über zig Seiten. Unglaublich, wie er Kassel und Nordhessen beschreibt.

Es ist eine sehr enthusiastische Sicht. Die Landschaft der Mittelgebirge kommt für ihn dem Paradies nahe.

Nickel: Richtig. Und sie hat er erwandert. Die Gegenden zwischen Thüringer Wald und Sauerland, Harz und Hunsrück, in denen er die Städte und Landschaften beschrieben hat, bis hin zu einzelnen Häusern und Lebensgeschichten. Über Arolsen etwa gibt es ein Häuserbuch. Teilweise hat er auch selbst geforscht, gelesen und das verarbeitet. Er hat die Landes- und Murhardsche Bibliothek in Kassel intensiv genutzt, auch von Göttingen aus.

Es ging bei Wense nicht um erholsames, entspanntes Wandern, wie wir das heute landläufig verstehen. Wandern war für ihn eine Form der Weltwahrnehmung, ein Landschafts- und Geschichtsstudium.

Nickel: Er hat die Landschaft mit allen Sinnen erwandert, sie umfassend besichtigt und eine Art Biografie der Landschaft geschrieben. Dazu gehören die Wanderung der Wolken wie die Gesteine und Tiere. Er hat systematisch Messtischblätter und Wanderführer benutzt, aber auch seinen ganz eigenen Weg gesucht - manchmal kann man diesen merkwürdigen Wegen noch folgen. Manchmal nicht. Am Meißner zum Beispiel hab ich das nachzuvollziehen versucht, da verschwand der Weg irgendwann.

Hat er nicht ein enormes Pensum zurückgelegt?

Nickel: Das ist das Erstaunliche. Von 7 bis 21 Uhr, 40 bis 50 Kilometer, stunden-, tagelang, übernachtet im Freien bei Wind und Wetter, zu allen Jahreszeiten. Das waren wirklich Gewaltmärsche. Bis seine Schuhe kaputt waren. Das muss ein Tempo gewesen sein, das uns nicht mehr geläufig ist.

Wandern war also ganz zentral für Wense?

Nickel: Das Wandern begegnet Ihnen bei Wense auf jeder Seite. Das ist sein Leben überhaupt, sein Zu-sich-selber-finden und ein der Welt zugewandtes Leben. Wandern ist aber auch heute Mode. Deshalb ist es Thema einer Tagung.

Wie wird sich der Nachlass erschließen lassen?

Nickel: Zuerst entsteht eine vorläufige Übersicht, was in den Kladden und Mappen vorhanden ist. Daran wird gerade intensiv gearbeitet. Das ist Aufgabe der Handschriftenabteilung. Die ist daran auch sehr interessiert, alles so zu ordnen, dass man den Nachlass nutzen kann. Das wird sehr spannend.

Es gibt auch noch ein riesiges Konvolut an Bildern.

Nickel: Sehr viele sind digitalisiert, die sind auf dem Uni-Server einzusehen. Aber das ist eine Unmenge, vieles liegt in den Mappen, manchmal gibt es nur Negative. Da sitzt im Moment niemand dran.

Hoffen Sie auf Entdeckungen?

Nickel: Ich staune immer wieder, was man da findet. Ich habe mich mit dem beschäftigt, was er unter „Fragmente“ geordnet hat, wie Aphorismen. Aber besonders interessant sind die Tagebücher, die Wetter-, die Collagenbücher. Da ist noch ein Schatz zu heben.

Von Mark-Christian von Busse

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