Vom Dealer zum Rapstar: Der umstrittene HipHopper Haftbefehl

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Rappt auf „Russisch Roulette“ über das Leben als Gangster: Der Offenbacher Rapper Haftbefehl.

Der Offenbacher Rapper Haftbefehl ist wegen seiner Texte über das Gangsterleben berüchtigt, sein neues Album gilt jedoch als Meisterwerk - zu Recht.

Man kann sich seine Fans leider nicht aussuchen. Der Offenbacher Rapper Haftbefehl kann davon ein Lied singen. Musikalisch könnte es für den 28-Jährigen momentan nicht besser laufen. Sein neues Album „Russisch Roulette“ verleitet Kritiker zu immer neuen Superlativen. Die „FAZ“ nennt es bereits ein „Meisterwerk“.

Kein Grund zur Klage also. Wäre da nicht dieses eine Foto im Netz aufgetaucht. Das Bild zeigt den breit grinsenden Haftbefehl zusammen mit jenem 18-Jährigen, der die Lehramtsstudentin Tugce A. in Offenbach zu Boden schlug, woraufhin sie ins Koma fiel. Kurz darauf starb sie. Haftbefehl, der bürgerlich Aykut Anhan heißt, schämt sich für das Bild. Er weiß nicht mehr, wann oder wo es entstand. Ein Bild mit einem Fan auf dessen Wunsch hin, nicht mehr. Ein Wunsch, den er seinen Anhängern gern erfüllt, wie der Künstler im „Spiegel“ sagt. Er zeigt sich vom Tod der Studentin schockiert, zumal er ihre Familie gut kenne. Er habe darüber viel nachgedacht, auch darüber, ob an seiner Musik irgendwas falsch läuft.

Denn da geht es oft auch um Gewalt. Um das Leben eines Gangsters, der in Frankfurt mit Kokain dealt. Der mit 15 als Sohn kurdischer Flüchtlinge auf die schiefe Bahn geriet, nachdem sein Vater starb und die Mutter es fortan nicht schaffte, „ihn von seinem Wunsch abzubringen, cool zu sein“, wie Haftbefehl es kürzlich selbst in einem Interview formulierte. So auch auf seinem nunmehr vierten Album. Auf 14 Songs lässt er sein turbulentes Leben Revue passieren. Was Haftbefehl dabei aber von vielen seiner Mitstreiter unterscheidet: Er glorifiziert das Gangster-Leben nicht. Er beschreibt vielmehr den Spagat vom stadtbekannten Koks-Dealer zum Rapstar.

Das Soundbild auf „Russisch Roulette“ hebt sich deutlich von seinen Vorgängern ab. Dennoch erinnern die harten Beats an ältere Haftbefehl-Songs, wie „Chabos wissen, wer der Babo ist“. Der Song war so erfolgreich, dass der Langenscheidt-Verlag „Babo“ im vergangenen Jahr zum Jugendwort des Jahres erklärte.

Auch sprachlich schöpft Haftbefehl auf „Russisch Roulette“ wieder aus den Vollen. Er babbelt weiter ein Kauderwelsch aus Kurdisch, Arabisch und Hessisch. Auf der ersten Hälfte des Albums zeigt Haftbefehl seinen einzigartigen Gewehrsalven-Flow inklusive starker Bilder („Drogendealer, als der E190 noch Mode war/Generation D-Mark, Cho, Handybanane Nokia“). Gepaart mit der Interlude-Reihe „1999“, die das thematische Gerüst des Albums liefert, ist „Russisch Roulette“ mehr als ein einschneidender Moment für deutschen Straßenrap. Haftbefehl hat mit seinem Humor, seinem Detailreichtum, seiner bildhaften Sprache, den meisten anderen Gangster-Rappern einiges voraus.

„Russisch Roulette“ zeigt insgesamt einen Künstler auf dem vorläufigen Zenit seines Schaffens. „Russisch Roulette“ verdeutlicht, dass Gangster-Rap auf künstlerischer Ebene ernstgenommen werden muss.

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Daniel Göbel

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