Debatte: Museen als neue Wallfahrtsorte

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„Gesichter der Kultur“: In der Reihe des Kulturnetzes debattierten Bischof Prof. Dr. Martin Hein (von links) und Dr. Dorothea von Hantelmann. Prof. Dr. Ernst Dieter Lantermann moderierte.

Kassel. Im Kasseler Kunstverein im Fridericianum diskutierten Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, und die ehemalige documenta-Gastprofessorin Dr. Dorothea von Hantelmann.

Ihr Thema: das Verhältnis von Kunst und Religion.

Eigentlich soll die vom Kulturnetz organisierte Reihe „Gesichter der Kultur“ Protagonisten der Kasseler Kulturszene mit ihrem jeweiligen Werdegang ganz persönlich vorstellen. Persönliches wurde Dienstagabend im vollen Kunstverein im Fridericianum auch keineswegs ausgeklammert. Prof. Dr. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, etwa bekannte, dass es ihn schmerze, welchen Zulauf Museen haben, als seien sie moderne Wallfahrtsorte – anders als viele Kirchen.

Doch stiegen Hein und Dr. Dorothea von Hantelmann, die zwei Jahre die documenta-Gastprofessur an der Kunsthochschule innehatte (das Geld für deren Fortführung ist bewilligt, das Besetzungsverfahren aber läuft noch) sogleich in eine intensive inhaltliche Diskussion ein.

Ist Kunst eine Art Religionsersatz? Welche Schnittmengen dieser Sphären gibt es? Schafft Kunst Transzendenzerfahrungen? Welche Rolle spielt sie in den Kirchen? Wie entstehen Rituale, was stiftet Gemeinschaft? Und gelingt das den Museen? Um solche Fragen ging es. Prof. Dr. Ernst Dieter Lantermann moderierte – und steuerte die Sichtweise des Psychologen bei.

Von Hantelmann beschrieb eine allgemeine „Suchbewegung“. Die Frage nach einer zeitgenössischen Spiritualität treibe auch sie um, „aber sie treibt mich nicht in die Kirche“. Die Kunsthistorikerin erforscht, wie sich gesellschaftliche und sozioökonomische Entwicklungen in Museen widerspiegeln. Ausstellungen hätten in den westlichen, marktwirtschaftlichen Demokratien auch an weltlichen Orten „quasi rituelle Funktionen“, unser offener, selbstbestimmter Umgang mit Kunst sei Ausdruck von Flexibilität und moderner Subjektivität.

Diese Individualisierung sei auch durch die Reformation befördert worden, sagte Hein, der Protestantismus habe die Autonomie des Menschen gewollt – Luther leistete einen „symbolischen Akt des Widerstands des Einzelnen gegen die Vereinnahmung“. Mit Bildern aber habe sich die evangelische Kirche schwerer getan als mit dem Hörsinn. Das Wort, die Verkündigung und die Musik hätten in der evangelischen Tradition lange im Vordergrund gestanden. In Hessen habe es nach der Reformation unter Landgraf Moritz (1572 - 1632) geradezu eine Kulturrevolution wie in China gegeben, als alle Heiligenskulpturen abgeschlagen und Bilder übertüncht wurden. Religion sei aber „mehr als blutleere intellektuelle Einsicht“, sagte Hein.

Er sprach sich für eine Kunst aus, die Nachdenken provoziert, Gewohnheiten irritiert, Sichtweisen verändert, die einen Betrachter anrührt, involviert, ihn unmittelbar betrifft und die Welt anders sehen lässt als zuvor: „Etwas, worauf ich nicht selbst gekommen wäre.“ Und die ihn nicht loslässt: „Gute Kunst geht mir nach.“ Religiöse Kunst empfindet der Bischof oft als Kitsch. Er plädiert für Kunst in der Kirche, die es aushält, sich mit dem religiös bestimmten Rahmen zu reiben. Was er von Max Ernsts berühmtem Gemälde halte, auf dem Maria das Jesuskind züchtigt, wollte einer der 150 Besucher wissen: „Ich wäre froh, wenn es in St. Martin hinge“, erwiderte Hein.

Von Hantelmann beschrieb Unterschiede von Kunst und Religion: Nicht nur, dass man, anders als beim Hören einer Predigt oder von Orgelkängen, über das Betrachten eines Kunstwerks selbst entscheidet – man kann ja auch in der Kirche wegsehen oder die Augen schließen. Kunst solle verstanden, aber vor allem eben auch außerhalb des eigenen Bezugsrahmens reflektiert und kritisch beurteilt werden – also Distanz schaffen. Ein zutiefst weltliches, diesseitiges Unterfangen, ein Prozess der Emanzipation, wogegen die Kirche für ein tradiertes Regelwerk stehe.

Wobei zu fragen wäre, ob nicht viele zeitgenössische Künstler, auch bei einer documenta, ihr Publikum nicht ebenso unmittelbar berühren und emotional packen wollen, wie es möglicherweise der Verkündigung von der Kanzel gelingt.

Kunst brauche Zeit, sich zu entfalten, um Sinn zu stiften, sagte von Hantelmann. Sie benötige eine andere Aufmerksamkeit, als es in unserer Erlebnisgesellschaft üblich sei. Wir hätten verlernt, den Moment auszuhalten, zückten stattdessen lieber sofort das Handy, um ein Foto zu machen. Das Freiheitsversprechen, das im modernen Museum seinen Ausdruck finde, komme insofern auch wieder an sein Ende: Der Durchschnittsbesucher verharrt vor einem Bild keine zwei Sekunden.

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