Buch zum d13-Kunstwerk Aschrottbrunnen

Der Aschrottbrunnen - Das Denkmal sind die Menschen

Wechselvolle Geschichte: Horst Hoheisel erzählte bei der Buchvorstellung vom Wiederaufbau des Aschrottbrunnens. Foto:  von Busse

Kassel. „Ich habe nur den Sockel gemacht“, sagt Horst Hoheisel bescheiden, „das eigentliche Denkmal sind die Menschen.“ Menschen, die vor dem Kasseler Rathaus stehen, das Fehlen des 1908 vom jüdischen Bürger Sigmund Aschrott gestifteten Brunnens wahrnehmen und über dessen Zerstörung durch die Nationalsozialisten 1939 nachdenken.

Hoheisel hat den Brunnen 1987 spiegelbildlich in die Tiefe versenkt - als Zeichen des Verlusts, des Unrechts und der Gewalt.

Seit 1987 reinigt Hoheisel den Brunnen, der in zwölf Metern Tiefe auf einem nur zwölf mal zwölf Zentimeter großen Quadrat steht und nur von den Metallschienen auf der Ebene des Asphalts gehalten wird, einmal im Monat. documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev hat dieser Einsatz so beeindruckt, dass sie dem Künstler einmal bei der Reinigung assistierte, ihn zum Teilnehmer der documenta 13 erklärte und den Brunnen zum Kunstwerk der d13. Eine neue, sehr schöne Broschüre, die mit zahlreichen Fotos und Dokumenten dessen Geschichte und Bedeutung erklärt, ist gerade erschienen, rechtzeitig zur d13.

Bevor Hoheisel aber der documenta-Chefin, Oberbürgermeister Bertram Hilgen und den Geldgebern der Publikation, der Kasseler Sparkasse und der Gerhard-Fiesler-Stiftung, dankte, wandte er sich an Richard Iske, der jahrzehntelang den Kiosk vor dem Rathaus betrieben und sich stets um den Brunnen gekümmert habe. Dass die Wunde, die das unheilvolle Wirken der Nazis gerissen hat, nicht vergessen wird, das ist Hoheisels Anliegen.

Anders als in der Nachkriegszeit, als über „Aschrotts Grab“ - so der Volksmund - zeitweilig Blumenrabatten wuchsen, wie Hoheisel bei der Buch-Präsentation erzählte. „So wie überall in Deutschland, wo man öffentlichen Grünflächen nicht trauen konnte.“ Hatten die Nazis in dem Brunnen ein „Symbol der Weltherrschaft des Judentums“ gesehen, wurde nach der Wiedererrichtung als Negativform Hoheisel selbst von Neonazis extrem bedroht. So- lange dieser rechtsextremistische Ungeist herrsche, „so lange“, machte Hoheisel klar, „bleibt der Brunnen da drin“.

Horst Hoheisel: Aschrottbrunnen 2012. Hrsg. vom Förderverein der Gedenkstätte Breitenau und der Stadt Kassel, 72 Seiten, 5 Euro (Erlös geht an den Förderverein).

Von Mark-Christian von Busse

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