„Der Bruce Springsteen von Niedersachsen“: Thees Uhlmann im Interview

Thees Uhlmann gilt als „Bruce Springsteen von Niedersachsen“ und „norddeutscher Hooligan der Herzen“, was es beides gut trifft. Auch auf seinem zweiten Soloalbum singt der Frontmann der Hamburger Indierock-Band Tomte mit unwiderstehlichem Pathos von großen Gefühlen.

Und sein Power-Pop erinnert an amerikanisch orientiertes Songwritertum. Wir sprachen mit dem 39-Jährigen.

Unseren Sommerurlaub haben wir in Cuxhaven verbracht. Leider habe ich es nicht geschafft, in Ihrem Heimatort Hemmoor vorbeizuschauen, der nur 45 Kilometer entfernt liegt. Was habe ich verpasst?

Thees Uhlmann: Im Endeffekt nichts. Hemmoor ist eine Kleinstadt mit 8000 Einwohnern, und drumherum ist nichts. Aber wenn wir da gemeinsam abhängen würden, könnte ich auf Anhieb 30 Geschichten erzählen, wo Sie sagen: „Krass.“ Zum Beispiel die von dem Gemüsehändler, bei dem meine Mutter 35 Jahre eingekauft hat und der jetzt zugemacht hat, weil es mittlerweile acht Supermärkte gibt.

Das klingt ähnlich trostlos wie die Stimmung in dem schönen „Der Fluss und das Meer“, in dem Sie einen Touristenort am Meer besingen, der die besten Zeiten hinter sich hat. An welchen Ort haben Sie gedacht?

Uhlmann: Das ist Cuxhaven. Wenn man über die B 73 in die Stadt fährt, kommt man an unzähligen Holzkreuzen vorbei. Hier rasen die Menschen in den Tod. An einer Stelle stehen sieben Stück. Cuxhaven ist hässlich, aus der Zeit gefallen und das Liverpool Deutschlands. Das war mal anders. Wenn ich irgendwo erzähle, wo ich herkomme, sagen alle sofort: „Da war ich früher mit Oma und Opa im Urlaub.“ Ich bin mit meinen Eltern meist nach Südtirol gefahren.

Selten hat jemand so viele Themen auf einem einzigen Album behandelt. Wie finden Sie die, wenn Sie nicht gerade an Cuxhaven denken?

Uhlmann: Ich gehe mit einem Lyrikerblick durch die Gegend und analysiere viel. Mit Freunden fahre ich immer zu einem Punk-Festival nach Oberhausen. Jedes Mal wundere ich mich, wie viel Geschäfte seit dem Vorjahr dicht gemacht haben in der Straße, wo das Hotel steht.

Im Pott ist auch der Wahlkampfhelfer zuhause, dem Sie mit „Weiße Knöchel“ ein Denkmal gesetzt haben. Dem 7. März haben Sie ein Lied gewidmet, weil Ihre Mutter in derselben Nacht wie Rudi Dutschke im Pankower Krankenhaus geboren wurde. Musste sie weinen, als sie den Song gehört hat?

Uhlmann: Nein, meine Mutter weint nicht - höchstens wenn ich Scheiße gebaut habe. Das Schwerste als Musiker ist es, einen gut gelaunten Song zu schreiben, der nicht flach ist. Als ich meinen Produzenten Tobias Kuhn fragte, worüber ich schreiben soll, sagte er: „Erzähl mal eine Geschichte.“ Da hab ich ihm von meiner Mutter und Rudi Dutschke erzählt. Er fand das toll. Herausgekommen ist eine deutsche Version von Billy Joels „We Didn’t Start The Fire“.

Wo schreiben Sie ihre Lieder?

Uhlmann: Ich fahre zum Beispiel mit meiner Tochter nach Hemmoor. Wenn ich sie ins Bett gebracht habe, mit meiner Mutter noch drei Sudoku gelöst habe und dann alle schlafen, setze ich mich ans Klavier. Dabei bin ich gar kein Nacht-Typ, sondern eher der Morgen-Typ. Schlaf empfinde ich als vergeudete Zeit. Deshalb schlafe ich meistens nur vier Stunden und lege mich mittags noch mal 20 Minuten hin.

Aus Ihren Liedern hört man immer wieder eine Sehnsucht nach der Provinz heraus. Wieso leben Sie eigentlich in Berlin?

Uhlmann: Wegen meiner Tochter. Und natürlich finde ich es toll, dass die Welt Berlin liebt. Eine typische Geschichte ist die von dem 20-jährigen Amerikaner, der nach Hause kommt und seinem Opa sagt: „Berlin ist die geilste und liberalste Stadt der Welt.“ Da antwortet der Großvater: „Dann war es ja gut, dass ich die Stadt bombardiert habe.“ Trotzdem bin ich echt nicht der Coolste und Urbanste. Entweder ich arbeite oder ich kümmere mich um meine Tochter. Wenn Freunde fragen, ob ich gleich zum Konzert von Jay-Z mitkomme, sage ich: „Gern, aber ich male gerade ein Einhorn.“

Info:

Thees Uhlmann: #2 (Grand Hotel van Cleef).

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

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