„Keine Zeit zu sterben“

Kritik zum neuen James-Bond-Film: Der gefühlvolle Weltenretter

Der neue James-Bond „Keine Zeit zu sterben“ läuft ab dem 30. September in den deutschen Kinos. Kann der neue Agententhriller überzeugen? Eine Kritik zum Film.

Das ist die maximale Ego-Entzauberung: Nicht an der Bar, einer Dame tief in die Augen blickend, stellt sich der Spion mit den legendären Worten vor: „Bond. James Bond.“ Sondern beim Geheimdienst-Pförtner an der Eingangskontrolle des MI6. Und der muss tatsächlich im Computer nach ihm suchen.

Kurz darauf läuft der notorische Weltenretter auch noch mit demütigendem „Besucher“-Schild am Revers durch die heiligen Hallen, durch die einst sein Ruf wie Donner hallte. Längst hat eine neue Generation Agenten den Finger an der Pistole, sogar Bonds 007-Lizenz ist wieder vergeben, an die taffe Nomi (Lashana Lynch). Cool, fit, atemberaubend.

Neuer James Bond-Film in den Kinos: Maß-Smoking statt Billig-Sakko

Cary Joji Fukunaga macht es dem Spitzenspion nicht leicht. Im lang erwarteten James-Bond-Abenteuer „Keine Zeit zu sterben“ hat der US-Regisseur mehrere Aufgaben zu lösen: Im fünften Film mit Daniel Craig in der Titelrolle muss er lose Fäden aus den vorigen Abenteuern zusammenbinden, er muss den Helden zeitgemäß in die Welt stellen und zudem die erfolgreichste Langzeit-Reihe der Filmgeschichte so weitererzählen, dass sie nicht aufs Format eines beliebigen Actiondramas geschrumpft wird. Maß-Smoking statt Billig-Sakko.

Mission erfüllt. Der Film ist großartig. Vielleicht kein Meisterwerk wie „Skyfall“, aber eine würdige, vielschichtige Episode mit überraschendem Schluss, interessanten Figuren, so viel Gefühl wie nie und der magischen Bildgestaltung von Linus Sandgren, die locker an die suggestive Fotografie von Roger Deakins aus „Skyfall“ heranreicht.

Action im neuen James Bond-Film - Wilde Verfolgungsjagd in Italien

Das geht schon mit der Eröffnungssequenz los, ein norwegischer Winterwald von oben, durch den ein Mann durch den Schnee stapft. Zielstrebig erreicht er das Zuhause der kleinen Madeleine, deren lethargische Mama auf dem Sofa sich nicht gerade als Beschützerin eignet. Madeleine flüchtet vor dem Fremden mit der japanischen Noh-Maske auf den zugefrorenen See, und das pastellfarbene Licht durch den Wattewölkchendunst ist so poetisch, dass die Angst der Kleinen desto schwerer zu ertragen ist. Sie kracht in ihrem buntem Parka ins Wasser, muss tauchen und fleht den Fremden durch die Eisdecke hindurch nur mit ihren Mädchenaugen um Rettung an.

Madeleine – das ist natürlich die schon aus dem Vorgängerfilm „Spectre“ bekannte Psychologin Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux). In ihrer Praxis taucht später die Maske zusammen mit dem Maskenträger unvermittelt auf. Das Trauma ist nicht überstanden. Madeleine ist die Frau, der Bond ein „Je t’aime“ zuflüstert, um gemeinsam in eine ganz andere Zukunft zu brausen mit seinem Aston Martin DB5.

Im italienischen Matera, dem steingewordenen Traum einer Stadt, finden sie ein kurzes Glück, dort schlägt das Schicksal dann aber als Bombe ein. Eine Verfolgungsjagd über Treppen, Gässchen, Brücke und durch eine Prozession der Gläubigen ist einer der frühen Action-Höhepunkte – rasante Choreografie, vielseitige Bildeinstellungen, Atemlosigkeit.

James Bond 007: Ex-Spion muss im Film erneut die Welt retten

Fünf Jahre später, Ruheständler James Bond vertreibt sich – den schwelgerisch in Szene gesetzten Luxusbody freiluftduschend – allein die Zeit mit Segeln und Fischfang in seinem Karibik-Domizil, bis sein alter Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) von der CIA ihn aufsucht, weil da eine derartige große Sache im Schwange ist, dass der Ex-Spion wieder den Weltrettermodus einlegen muss.

Romantischer Moment in Matera: Daniel Craig im Film als James Bond und Léa Seydoux as Dr. Madeleine Swann.

Es geht um eine geheime Bio-Waffe, die Finsterlinge mit Unterstützung eines korrupten Wissenschaftlers aus einem Labor entwenden. Entwickelt wurde das mächtige Gen-Instrument Herakles zwar von Bonds Ex-Chef M (Ralph Fiennes), aber wie das so ist mit gefährlichen Substanzen: In den falschen Händen sind sie unberechenbar. Rami Malek ist als Schurke Safin auf betörend anziehende Art fies. Auch Christoph Waltz hat wie in „Spectre“ einen Auftritt als böser Blofeld – im wortwörtlichen Sinn hat er sein Auge überall.

Cool, maskulin und souverän: Daniel Craig das letzte Mal als James Bond im neuen Film

Aus all diesen Gründen ist der dünnhäutig gewordene Bond zurück, alsbald auch wieder ohne „Besucher“-Schild im MI6. Und Daniel Craig zeigt einmal mehr seine schauspielerische Klasse, wenn er dem Helden sowohl eine deutliche Verwundbarkeit mitgibt, ihn aber auch cool, maskulin und souverän sein lässt wie eh und je. Sexy.

Hier wächst der Darsteller mit dem Film über sich hinaus und zelebriert die eigene Filmgeschichte. Sogar Anflüge von Ironie sind erkennbar. Denn das Bond-Universum muss natürlich stets überlebensgroß sein, phasenweise unrealistisch – und herrlich übertrieben. (Bettina Fraschke)

Rubriklistenbild: © Nicola Dove/Danjaq/LLC/MGM

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.