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INTERVIEW Maria Schrader über den Film „She Said“ und den Fall Weinstein

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Von: Martin Schwickert

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Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader
dpa_5FAAFA006006C97F.jpg © Paul Zinken

„Der Machtmissbrauch hat System“ sagt Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader über den Fall Weinstein

Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader (57) erzählt in ihrem Film „She Said“, der diese Woche in die Kinos kommt, von der Entstehung der wohl wichtigsten Reportage der letzten zehn Jahre. Die Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor deckten den weitreichenden Machtmissbrauch und die sexuellen Übergriffe des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein auf. Der Artikel in der „New York Times“ wurde 2017 zur Initialzündung für die MeToo-Bewegung.

Frau Schrader, der Fall Weinstein hat die Welt bewegt. Wie sind Sie an diesen Stoff herangegangen?

Zunächst habe ich versucht, mich nicht zu sehr von der Bedeutung dieser Geschichte einschüchtern zu lassen. Aber natürlich ist es genau dieser Umstand, der eine besondere Herangehensweise erfordert. Jede Figur, die im Film vorkommt, entspricht einer lebenden Person, deren Namen wir verwenden. Die „New York Times“ hat zum ersten Mal einer Spielfilm-Produktion erlaubt, in ihrer Redaktion zu drehen. Wir hatten es also auch mit dem realen Arbeitsplatz unserer Protagonistinnen zu tun. Jodi Kantor, Megan Twohey und auch die mutigen Frauen, die ihnen ihre traumatischen Erlebnisse mit Weinstein anvertraut haben, willigten ein, dass wir die private Seite ihres Lebens, ihre Familien, die Namen ihrer Kinder in den Film integrieren. All das wurde mir als Filmemacherin vertrauensvoll in die Hände gelegt.

Gleichzeitig ist „She Said“ als Journalistik-Thriller auch ein Genrefilm, der an den Klassiker „Die Unbestechlichen“ über die Aufdeckung der Watergate-Affäre erinnert. Wie haben Sie sich das Genre zu eigen gemacht?

In beiden Geschichten hat die journalistische Arbeit gesellschaftspolitische Veränderungen nach sich gezogen. Das Duo findet in beiden Filmen erst über die Recherche zusammen. In diesem Genre gab es ja bisher kein Team aus weiblichen Heldinnen. Die gibt es sowieso selten, allenfalls „Thelma und Louise“ und die mussten am Ende sterben. Aber unser Film verlässt sein Genre auch immer wieder und erzählt Dinge, die man normalerweise in so einem Thriller nicht sieht. Mir ging es darum, diese beiden Top-Journalistinnen der „New York Times“ auch als normale Menschen zu zeigen. Sie nehmen die U-Bahn, kommen zu spät zu Verabredungen und jonglieren mit ihrem Familienleben. Wenn Jodi Kantor von ihrer Redakteurin gefragt wird, ob sie für die Recherche in einen Flieger nach London springen kann, antwortet sie: „Das muss ich erst mit dem Vater meiner Kinder klären.“ Das ist die Realität einer berufstätigen Mutter. Und das steht natürlich auch in direktem Zusammenhang mit dem Thema, das der Film untersucht.

Der Fall Weinstein zeigt, mit welcher Systematik sexuelle Gewalt ausgeübt wird und wie das System einen Täter über Jahrzehnte hinweg geschützt hat. Wie wichtig war es für Sie, die Systemfrage zu stellen?

Das war sehr wichtig. Weinstein ist ja zu einer Symbolfigur geworden für all die mächtigen Männer, die ihre Macht ausnutzen. Im Grunde blicken wir hier auf Jahrhunderte alte Strukturen, eine systemische, gesellschaftliche Komplizenschaft, die weit über die Anwälte und Angestellten Weinsteins hinaus geht.      Dazu gehört das perfide System der Verschwiegenheitserklärungen, mit dem die betroffenen Frauen mit der Zahlung einer Geldsumme juristisch mundtot gemacht werden. Wenn Weinstein in eine solche Vereinbarung einstimmt, sieht das für die Frauen zunächst wie ein Schuldeingeständnis und ein vermeintlicher Sieg aus. Aber nachdem sie die Vereinbarung unterschrieben haben, können sie fortan mit niemanden mehr über ihre traumatischen Erfahrungen sprechen. Nicht mit ihrer Familie, nicht mit Freunden, nicht mit Therapeuten, nicht einmal mit polizeilichen Ermittlungsbehörden. Da gab es eine ganze Reihe unabhängiger Anwaltschaften, die diese Erklärungen ausgearbeitet haben und dafür großzügige Honorare eingestrichen haben.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Harvey Weinstein als Figur in Ihrem Film nur in einer einzigen Szene kurz von hinten zu zeigen?

Die Geschichte wird aus der Perspektive der beiden Journalistinnen erzählt. Megan Twohey und Jodi Kantor hatten ja bis dahin keine Kontakte nach Hollywood und sind Weinstein auch nur dieses eine Mal begegnet, als er unangemeldet mit seinen Anwälten in der Redaktion der „New York Times“ auftauchte. Am Ende der Postproduktion kam noch einmal die Frage auf, ob wir deutlich genug erzählen, wie mächtig Weinstein wirklich war. Aber es gibt auch weitaus weniger mächtige oder bekannte Personen in anderen Arbeitswelten, die ihre Positionen missbrauchen. Es geht um hierarchische und sexistische Strukturen und was es bedeutet, als Frau in einer von Männern dominierten Gesellschaft aufzuwachsen und zu arbeiten.

Was hat sich aus Ihrer Sicht durch MeToo nachhaltig verändert?

MeToo hat als Bewegung eine revolutionäre Wucht entwickelt und ein globales, gesellschaftliches Umdenken eingeleitet. Die wichtigste Veränderung ist, dass der Damm des Schweigens gebrochen wurde. Wir wissen alle, dass viele dieser Geschichten noch nicht an die Öffentlichkeit gekommen sind. Wie viele Betroffene gibt es noch, die sich in dieser fürchterlichen Isolation befinden? Für diese Menschen ist es fundamental zu wissen, dass ihre Stimmen heute nicht mehr einfach vom Tisch gewischt werden können, wie das vor MeToo regelmäßig der Fall war. Mittlerweile werden auch entsprechende Vorkehrungen an Arbeitsplätzen getroffen.

Zur Person

Maria Schrader (57) wurde in Hannover geboren. Bereits in ihrer Schulzeit spielte sie in der Theater-AG und stand mit 15 Jahren auf der Bühne eines Theaters. Nach der Schule begann sie eine Schauspielausbildung, die sie nach zwei Jahren abbrach, bevor sie Mitglied im Ensemble des Staatstheaters Hannover wurde. 1989 hatte Schrader in der Komödie „RobbyKallePaul“ von Dani Levy ihr Spielfilmdebüt, mit dem sie in dem Erfolgsfilm „Aimée & Jaguar“ vor der Kamera stand. 2005 führte sie erstmals in dem Film „Liebesleben“ Regie. Maria Schrader lebt in Berlin und hat eine Tochter. amm Foto: Paul Zinken/dpa

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