US-Musikerin Joan Wasser über Trauer und den Erfolg als Joan As Police Woman - Sonntag im Kulturzelt

„Der Tod hat mich fertiggemacht“

Die US-Amerikanerin Joan Wasser ist eine klassisch ausgebildete Violinistin, als Teenager entdeckte sie den Punk für sich, und nun macht die 40-Jährige mit ihrer Band Joan As Police Woman sehr schönen Soul mit Singer/Songwriter-Elementen. Spätestens nachdem ihr Lied „The Magic“ ein kleiner Hit geworden ist, gilt sie als die „Dusty Springfield des Indie-Pop“, wie sie der britische „Guardian“ nannte. Nun ist sie einer der Stars im Kasseler Kulturzelt, wo sie am Sonntag gastiert. Wir sprachen mit Wasser.

Frau Wasser, Ihr neues Album „The Deep Field“ handelt vom Leben und dem Spaß, den man dabei hat. Heißt das, Sie hatten in den Jahren zuvor wenig Freude am Leben?

Joan Wasser: Nein, aber „To Survive“, was ich 2008 aufgenommen habe, war ein erlösendes Album für mich, weil es sich zumindest teilweise um den Tod meiner Mutter drehte. Ich war ganz schön fertig damals und musste mit meiner Trauer fertigwerden. Ich musste sie gehen lassen und wieder lernen zu leben. Diese Erfahrung bestimmt mein Leben bis heute. Der Tod hat mich fertiggemacht, aber in gewisser Weise auch befreit. Spaß bedeutet für mich, dass ich Musik machen und mich ausdrücken kann - das kann auch mal schmerzhaft sein.

„The Deep Field“ sind die am weitesten entfernten Galaxien, die vom Hubble-Weltraumteleskop aufgenommen wurden. Was sagt der Titel über Ihre neuen Lieder aus?

Wasser: Ich fand es schön, dass sie diesen Himmelsteil so poetisch benannt haben. Grundsätzlich bin ich fasziniert davon, dass die Menschheit immer nach neuem Wissen strebt. Das ist auch ein Thema meines Albums: Wir finden immer neue Antworten, die aber auch wieder neue Fragen nach sich ziehen. Auch ich werfe viele Fragen auf, Antworten werde ich jedoch vielleicht nie bekommen.

Das Beiheft zeigt Naturaufnahmen. Inwiefern beeinflusst die Natur Ihre Songs? Sie leben ja in New York City.

Wasser: Rund um New York gibt es sehr viel Natur, und ich bin dort, so oft ich kann. Ich mag den menschlichen Dschungel ebenso sehr wie den Dschungel der Natur - beide inspirieren mich. Manchmal werde ich high wegen der Menschen und manchmal, wenn ich den Klang des Ozeans höre. Wenn ich schreibe, hilft es mir, allein zu sein in der Natur. So wild wie die Natur kann New York City niemals werden.

Deutschland war das erste Land, in dem Sie außerhalb der USA aufgetreten sind. Was macht das Publikum hier so besonders?

Wasser: Die deutschen Zuschauer sind immer unglaublich. Ich kann nicht sagen, wie groß die Liebe ist, die ich hier spüre. Besonders gern erinnere ich mich an die Tour mit meiner Band The Dambuilders kurz nach dem Mauerfall. Ich war jung und wusste nicht, was dieser Umbruch bedeutet. Und ich erinnere mich, dass die Menschen im Osten ganz anders reagierten. Sie waren ruhig, scheu und etwas spröde. Aber es war überall auf seine Weise großartig. Meine Soundtechnikerin spricht übrigens Deutsch. Ich müsste nun also in der Lage sein, mehr Wörter zu sagen als nur „Wasser“.

Als klassisch ausgebildete Violinistin mussten Sie früher unglaublich viel üben. Inwiefern profitieren Sie jetzt noch von dieser Disziplin?

Wasser: Nicht nur für die Technik ist diese Disziplin unbezahlbar, sondern auch für das Selbstwertgefühl. Sie wird mein ganzes Leben bereichern - egal was ich mache.

Das erste Konzert, das Sie besucht haben, war ein Auftritt der Hardcore-Band Black Flag. Was bedeutet Punk heute für Sie und Ihre Soul-Musik?

Wasser: Das Black-Flag-Konzert hat mein Leben verändert. Niemals zuvor habe ich so viel Energie gefühlt. Punk hat mir Hoffnung gegeben, mich ein bisschen weniger verrückt gemacht, und ich fühlte mich nicht mehr so allein. Damals habe ich erkannt, dass alles möglich ist. Wenn ich sehe, dass ich heute Songs schreibe und ich sie auf der ganzen Welt aufführe, wird mir klar, dass das stimmt.

Joan As Police Woman: Sonntag, 19.30 Uhr, Kulturzelt Kassel. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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