"Der nackte Wahnsinn": Furiose Komödie am Kasseler Schauspielhaus

Kassel. Beim Erschaffen der Erde muss Gott froh gewesen sein, sein Valium genommen zu haben. Wie sonst soll man das Chaos überstehen? „Und Gott sprach Stopp“ ruft Thomas Meczele mit alttestamentarischem Donnerhall vom Regiepult aus dem Zuschauerraum.

Auf der Bühne hören sie nicht auf ihn, und so muss der Regisseur sich als himmlische Instanz aufspielen, Schöpfungs-Vergleich inklusive. Saallicht an, er zwängt sich durch die Zuschauerreihen nach vorn, nimmt sich seine Darsteller-Herzchen zur Brust.

Noch Stunden vor der Aufführung sitzt hier der Text nicht, wird da eine Grundsatzdiskussion geführt, herrscht dort Liebeskummer. Schauspieler spielen Schauspieler, die ein Stück einstudieren - doch trotz göttlichem Regisseurs-Einwirken klappt nichts. Und das ist nur der Anfang in der rasanten Komödie „Der nackte Wahnsinn“ am Kasseler Staatstheater. Denn es kommt noch schlimmer.

Begeistertes Johlen des vom Start weg enthusiastischen Premierenpublikums war der Dank. Für den anwesenden Autor Michael Frayn gab es ebenfalls frenetischen Beifall. In seiner Ansprache bedankte der sich und regte eine wissenschaftliche Forschung über Gummisardinen im Theater an. Von denen gab es auf der Bühne (Mayke Hegger) im Schauspielhaus reichlich. Glitschig und als zentrales Requisit waren sie vor der vieltürigen weißen Wand omnipräsent. Dauernd setzte sich jemand auf einen Sardinenteller, bekam die Fischchen in den Ausschnitt geschoben oder in die Haare gerieben. Theaterwahnsinn in drei Akten.

Im ersten Teil der von Markus Dietz in Höchsttempo inszenierten Farce sehen wir die Chaosprobe eines Tür-auf-Tür-zu-Stücks, das auf viel amourösem Techtelmechtel und dem Fischrequisit basiert, in Teil zwei verfolgen wir die Aufführung, sehen aber von hinter den Kulissen aus zu, und in Akt drei sehen wir den ersten Teil erneut - am Ende der Tournee, wo die Theatertruppe in noch desolaterem Zustand ist. Dietz und sein hervorragendes neunköpfiges Ensemble nehmen die Not ihrer Figuren ernst.

Hier gibt es keinen Trash, die realen Schauspieler wollen wirklich, dass ihre gespielten Schauspieler (die ihre eigenen Vornamen tragen) eine gute Aufführung hinlegen. Und im Publikum drückt man dafür mit die Daumen. Gleichzeitig wirft man sich weg vor Lachen, weil alles schief geht. Das furios aufspielende Ensemble hält das hohe Tempo und managt die Wechsel zwischen Bühnengeschehen und privatem Unglück der Figuren souverän. Eine Regie- und darstellerische Meisterleistung.

Wieder am 1., 2., 10., 20.6. im Schauspielhaus, Karten: 0561-1094-222

Rubriklistenbild: © Klinger

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