ARD, So., 20.15 Uhr

Tatort-Interview: Wolfram Koch spielt neuen Kommissar in Frankfurt

Geben ein vielversprechendes Debüt: Die „Tatort“-Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich). Foto:  hr

Bislang war Wolfram Koch ein gefeierter Theaterstar. Am Sonntag gibt er seinen Einstand als Frankfurter "Tatort"-Kommissar. Im Interview erzählt er, wieso er nie TV-Krimis schaut.

Schon vor der Premiere des neuen Frankfurter „Tatorts“ gab es einen kleinen Skandal. Margarita Broich, die mit ihrem Kollegen Wolfram Koch die Nachfolge der viel gelobten Joachim Król und Nina Kunzendorf antritt, wollte ihre Kommissarin nach einer im KZ Theresienstadt ermordeten Jüdin benennen. Es gab Proteste der Jüdischen Gemeinde, und nun heißt Broichs Figur nicht Selma Jacobi, sondern Anna Janneke.

In der ersten Folge „Kälter als der Tod“ von Florian Schwarz (Regie) und Michael Proehl (Buch) geht es um den Mord an einer Familie und deren dunkles Geheimnis. Wir sprachen mit Koch, dessen Figur Paul Brix heißt, weil der Name „kurz und knapp“ ist, wie der 53-Jährige sagt.

Ihre Frau fand Ihren „Tatort“-Einstand angeblich nicht so gut. Was hatte Sie auszusetzen? 

Wolfram Koch: Den Film mochte sie schon sehr gern, aber meine Frau ist sehr kritisch, was mich angeht. Wenn sie mich im TV sieht, ist ihr das zu nah, und dann findet sie mich auch nicht so gut.

„Kälter als der Tod“ ist sehr gut geworden - wie fast alle „Tatorte“ des HR. Wie schafft die Redaktion um Fernsehspielchefin Liane Jessen das? 

Koch: Die Leute beim HR sind Spinner im besten Sinn. Sie sind mutig und haben keine Angst. Auch wenn mal was in die Hose geht, haben sie etwas gewagt. Bei so etwas mache ich wahnsinnig gern mit.

Und trotzdem haben Sie überlegt, bevor Sie zusagten. 

Koch: Das lag daran, dass ich das Theaterspielen nicht aufgeben will. Derzeit habe ich 14 parallel laufende Theaterstücke. Liane Jessen habe ich auf einem Flohmarkt in der Bretagne kennengelernt. Wir haben Kaffee getrunken, und irgendwann war sie der Meinung, dass ich den „Tatort“ machen könnte. Ich habe ihr gesagt, dass ich dafür der Falsche bin. Ich schaue nicht mal „Tatort“, weil ich sonntags meist auf der Bühne stehe. Aber sie meinte: „Aus diesem Grund wollen wir dich. Das mit dem Theater kriegen wir hin.“ Und jetzt kriegen wir es haarscharf hin.

Vor zehn Jahren wurden Sie im Bremer „Tatort“ zu Beginn erschossen. Trotzdem hat man Sie am nächsten Tag auf der Straße angesprochen. Haben Sie Angst vor der TV-Popularität? 

Koch: Ein bisschen schon. Die Leute, die in Berlin ins Theater gehen, kennen mich. Ich habe auch schon Low-Budget-Filme fürs Kino gedreht, die toll waren, aber gefühlt nur zehn Leute gesehen haben. Und jetzt werden vielleicht zehn Millionen Menschen zuschauen. Dieser Hype macht mir Gedanken. Der „Tatort“ soll nicht der Höhepunkt meiner Karriere sein. Die eigentlichen Sahneschnitten sind übrigens die Gastauftritte im „Tatort“. Die Kommissare sind eher Identifikationsfiguren für die Zuschauer. Die Ermittler besiegen das Böse, das Wochenende ist gerettet und die nächste Woche kann beginnen. So ein Ritual ist der „Tatort“.

Neben Ihnen sind auch andere Bühnenstars wie Broichs Ehemann Martin Wuttke und Fabian Hinrichs TV-Kommissare geworden. Hat das Fernsehen bei Theaterschauspielern mittlerweile einen besseren Ruf? 

Koch: Es ist eher umgekehrt: Die Filmleute haben mehr Lust, Theaterleute zu holen. Früher gab es eine strikte Trennung zwischen Theater und Film. Mittlerweile gehen junge Filmleute häufiger ins Theater und engagieren verstärkt Bühnenschauspieler. Es ist der gleiche Job, aber man spielt auf eine völlig andere Weise.

Paul Brix ist wie Sie frankophil, Anna Janneke fotografiert ebenso gern wie ihre Darstellerin. Inwiefern haben Sie die Figuren mitentwickelt? 

Koch: Wir haben uns häufiger getroffen und frei rumgesponnen. Einige Ideen wurden verworfen, weil es hieß: „Nee, das gab es schon in Stuttgart oder Leipzig.“ Irgendwann war mir klar, dass man sein eigenes Ding machen muss.

Anders als sein Vorgänger Frank Steier wirkt Paul Brix normal und sympathisch. 

Koch: Ja, wir wollten beide Figuren relativ normal um die Ecke kommen lassen. Sie haben kleine Ecken und Kanten, die auch in den weiteren Folgen eine Rolle spielen werden. Ich bin aber dafür, bestimmte Geheimnisse bei den Figuren zu lassen. Die Zuschauer sollen nicht alles erklärt bekommen.

Welche Rolle spielt im Frankfurter „Tatort“ die Stadt? 

Koch: Für den „Tatort“ ist Frankfurt spannend, weil es wegen des Flughafens eine Hafenstadt ist mit all den typischen Problemen: Hier gibt es Schmuggel, Drogen und Menschenhandel. Zudem ist alles komprimiert. Es gibt Mini-Manhattan, kleinbürgerliche und studentische Viertel, und es gibt die sozialen Brennpunkte. Das findet man in anderen deutschen Städten so nicht.

Stimmt es, dass Sie den „Tatort“ als Kind heimlich geschaut haben? 

Koch: Wir hatten damals keinen Fernseher. Ich habe dann ein Gerät im Sperrmüll gefunden. Den habe ich mir zusammengebaut. Nicht einmal die Farben stimmten darauf. Diese Schrottmöhre stand jedenfalls im Keller, wo ich dann manchmal „Tatort“ geschaut habe.

Wie viele „Tatorte“ vertragen die Zuschauer noch, bevor Sie das Krimi-Genre leid sind? 

Koch: Das frag ich mich auch manchmal, wenn ich sehe, dass pro Tag fünf Krimis kommen. Wir schauen mal, wie lang das gut geht.

Zur Person

Geboren: am 10. Februar 1962 in Paris als Sohn eines Nato-Offiziers, aufgewachsen in Bonn

Ausbildung: Schauspielstudium in Frankfurt (abgebrochen)

Karriere: Seine erste Filmrolle spielte Koch mit 13. Heute steht er auf fast allen großen Theaterbühnen - von der Berliner Volksbühne bis zum Wiener Burgtheater. Mit Samuel Finzi erhielt er im März den renommierten Gertrud-Eysoldt-Ring.

Privates: Der Vater von vier Söhnen lebt mit seiner Familie in Frankfurt-Sachsenhausen und hat ein Haus in der Bretagne.

Die Kommissare

Paul Brix (Wolfram Koch): Der Halbfranzose arbeitete bislang bei der Sitte und lebt bei einer Freundin, der Gärtnerin Fanny (Zazie de Paris), zur Untermiete. Er ist angenehm direkt.

Anna Janneke (Margarita Broich): Die ehemalige pyschologische Beraterin der Berliner Polizei hat einen erwachsenen Sohn und macht sich mit ihrer mütterlich-fürsorglichen Art beliebt - selbst bei Chef Hennig Riefenstahl (Roeland Wiesnekker), der zunächst skeptisch ist.

"Kälter als der Tod": Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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