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Astrophysiker: „Ein Raumschiff für jedermann“

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Von: Bettina Fraschke

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Thomas Kraupe Astrophysiker
ks_vwd86feb2d1157942d5169a7168117b1196.jpg © Foto: Wolfgang Koehler/NH

INTERVIEW Astrophysiker Thomas Kraupe über die Bedeutung von Planetarien. Dort können wir uns über unsere Bedeutung angesichts der Unendlichkeit des Kosmos klarwerden, sagt er.

Kassel – Was erleben wir im Planetarium? Weit mehr als Sternbilder, sagt der führende deutsche Planetariumsexperte Thomas Kraupe. Der Astrophysiker war Leiter des Hamburger Planetariums sowie Vorsitzender des Weltverbands der Planetarien. Für Kassel hatte der Professor 1992 die Eröffnung des Planetariums gestaltet. Nun ist die Einrichtung geschlossen – nicht dauerhaft, sagt die MHK, es liege an Personalnot. Da aber die benachbarte Astronomisch-physikalische Sammlung seit März 2021 auf unabsehbare Zeit unzugänglich ist, weil der Museumsstandort Orangerie saniert werden soll, mehren sich Sorgen, dass beide Einrichtungen nie mehr zugänglich sein werden. Eine Petition für das Planetarium hat gerade 1061 Unterstützer mobilisiert.

Seit wann gibt es Planetarien?

Seit 100 Jahren. 1923 hat Zeiss das Wunder von Jena präsentiert, eine Maschine, die den Raum verwandeln konnte. 1925 ist damit im Deutschen Museum in München das erste Planetarium eröffnet worden. Es wurde ein ptolemäischer Raum gezeigt, die Erde als Zentrum des Kosmos, und ein kopernikanischer, wo man um die Sonne fuhr.

Wie hat sich die Technik entwickelt?

In Kassel zum Beispiel steht ein hybrides Gerät, das sowohl einen optischen Projektor enthält, der mit Linsen Sterne projizieren kann, es werden aber auch mit Mikroprozessoren zusätzliche Bilder erzeugt. Diese Bilder können Echtzeit sein – wir können die Meeresströmungen, zeigen, Sonnenwinde, aktuelle Bilder aus dem Mega-Teleskop Webb, wir können eine Reise zur Raumstation ISS unternehmen und genau das sehen, was die Astronauten sehen. Das wird alles aktuell berechnet. Es wird also zumeist kein Film gezeigt. Diese Technik können wir aber auch nutzen für Reisen in andere Wissenschaftsbereiche, sei es Geowissenschaft oder Biologie.

Totales Eintauchen also?

Das Planetarium ist ein Simulationsraum, wie es ihn nicht noch mal gibt. Ein Unendlichkeitsraum, in dem wir Menschen Fragen zum Universum – und damit auch zu uns selbst – begegnen. Früher gab es dazu den gebauten Raum – eine Kathedrale hat uns ein Gefühl von Unendlichkeit vermittelt. Wo man sich fragt: Wo stehen wir im Gefüge des Kosmos, wo steht die Erde, wie ist alles entstanden? Das Planetarium ist ein Schulungsraum für das Vorstellungsvermögen des Menschen, ein Raumschiff für jedermann. Kennen Sie den Overview-Effekt?

Was ist das?

Das Erlebnis, das Astronauten haben, wenn sie die Erde aus dem Kosmos betrachten, der blasse blaue Punkt. Dieser Overview-Effekt hat die Naturschutzbewegung angestoßen. Im Planetarium können wir dieses Gefühl erleben. Das ist unvergleichlich, wir sind mittendrin in einem Raum, erleben ihn sinnlich. Meine These ist, dass durch die Anregung unseres peripheren Sehens, das die Urzeitmenschen einst vor Angriffen geschützt hat, die Aufmerksamkeit bei einer Planetariumsvorstellung besonders hoch ist, das merke ich vor allem bei Schülern. Es ist durch dieses Umfassende fordernder als ein Kinobesuch, eine emotionale, sinnliche, körperliche Erfahrung.

Wie bei Virtual Reality?

Ja, nur, dass ich nicht allein den Helm aufsetze, sondern mit 50 Leuten gemeinsam unter einem Helm, der Projektion, stecke und das Erlebnis gemeinschaftlich teile. Das hilft, die Zusammenhänge zu begreifen. Ich kann auch ganz komplexe Sachverhalte vermitteln, etwa zu schwarzen Löchern. Planetarium ist nicht bloß ein Sternenkino.

Was braucht man dafür?

Menschen, die nicht nur auf den Knopf drücken, sondern die eine echte Präsentation machen. So führen sie den Raum in die Zukunft. Das wäre auch in Kassel wichtig, es wäre erschreckend, wenn dieser Raum geschlossen bliebe. Gerade, weil er in Korrespondenz mit den astronomischen Objekten der Sammlung steht, die zeigen, wie die Vermessung des Raums begonnen hat. Gerade in unserer Zeit, in der alles digital wird, sind Begegnungen mit Objekten wichtig. Ich bin überzeugt davon, dass man Dinge erst dann versteht, wenn man sie aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Das verankert das Wissen.

Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

In einem Planetarium haben Fragen zum Klimawandel ihr Zuhause. Und wir können erzählen, dass wir eine gemeinsame Geschichte haben. Nicht nur, dass alle Menschen, die jemals gelebt haben, auf diesem kleinen blauen Planeten gewohnt haben. Sondern darüber hinaus, dass wir von den Sternen herkommen. Dass wir aus Sternenstaub sind. Wir sind nicht nur mit den Menschen in anderen Teilen der Welt, sondern auch mit dem Planeten Saturn verwandt. Der Kosmos ist nicht nur um uns, sondern auch in uns. Das ist die größte Geschichte, die wir haben. Manchmal kriegen wir eine Ahnung davon, wenn wir in den Nachthimmel blicken. Im Planetarium erzählen wir davon.

Von Bettina Fraschke

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