Designer Ulf Moritz: „Menschen haben mehr Mut“

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Endet am Sonntag: Die Ausstellung über Paul Balins Tapeten in der Neuen Galerie. Zu Gast bei der Finissage ist Stardesigner Ulf Moritz aus Amsterdam.

Kassel. Stardesigner Ulf Moritz kommt zur Finissage der Ausstellung "Schöner Schein" in die Neue Galerie nach Kassel. Im Interview spricht er über Effekte von Tapeten und Inspiration.

Mit den Tapeten von Paul Balin, die noch bis Sonntag in der Neuen Galerie zu sehen sind, kann Ulf Moritz wenig anfangen. Er findet sie „nicht aufregend“, weil „piefig“. Aber über Tapeten an sich kann man mit dem Industrie- und Textildesigner natürlich sprechen. Er hat für die Marburger Tapetenfabrik ungewöhnliche Kollektionen entworfen. Am Sonntag kommt er zur Finissage zum Gespräch auf dem Roten Sofa (11 Uhr).

Sie haben viele Bestandteile der Inneneinrichtung geschaffen. Warum kamen Tapeten dazu, was fasziniert Sie daran?

Ulf Moritz: Bei Tapeten kann man mit wenig viel erreichen. Stoff ist viel teurer, eine Tapete besteht aus Papier. Was ich bei Marburg gemacht habe, ist veredeltes Papier, etwas teurer statt kleingedruckt und wischiwaschi. Es gibt tolle Techniken, neu erfunden. Und das ergibt auf der Wand eine Spannung. Ich habe Tapeten entworfen, die sich verändern, wenn man daran vorbeispaziert, das erreiche ich durch verschiedene Strukturen, etwa matt und glänzend. Und zwar normale, bezahlbare, verkäufliche Tapeten für jedermann.

Was schätzen Sie an der Marburger Tapetenfabrik?

Moritz: Dass ich als Entwerfer mit dem wichtigsten Mann der Firma kommuniziere, mit dem Eigentümer, der die Firma leitet. Er muss sich darauf einlassen, dass ich neue Wege beschreite – das war in meiner Arbeit immer so. Die zweite oder dritte Garde kann den Designer nicht ertragen, denn der ist anstrengend, der will immer mehr. Diese mittelgroßen, gestandenen Betriebe strengen sich an, sie haben Mut, sind innovativ. Das macht den Erfolg der deutschen Industrie aus.

Sie haben etwa Glimmerschiefer oder Glasperlen in Tapeten eingearbeitet. Was treibt Sie an? Experimentierfreude, Neugier?

Moritz: Das treibt auch die Firma an. Inhaber Ullrich Eitel ist ein selbstbewusster Unternehmer, der sich von seinen Konkurrenten unterscheiden will. Er hat Power. Und er hat alle Ideen von mir beinahe immer verwirklicht. Ich habe mir etwas gewünscht, und er hat versucht, das zu realisieren. Papier wurde auf einmal mehr, es wurde nicht mehr nur auf die Wand geklebt, es bekam Tiefe, Struktur, der Lichteinfall hat mitgewirkt. Es ging auch mal was daneben.

Inwiefern kommen sich Ihre Ideen und die technische Verwirklichung manchmal in die Quere?

Moritz: Dann redet man drüber. Es entsteht etwas im Gespräch, und man sagt: Sollen wir das mal probieren? Zum Beispiel Fäden aus Basalt, der Schimmer von Glas, also gemahlenes Glas, oder Muschelmaterial auf der Tapete.

Ihr Thema in Kassel lautet „Entstehungsprozesse von Tapetenkollektionen“.

Moritz: Das erkläre ich zum Beispiel anhand des Niederegger-Marzipans, das ich immer gern esse, wenn ich in Deutschland bin. Die Farbe des Silber- und Goldpapiers, mit dem das Marzipan eingewickelt ist, ist schön. Türkis, blau, rosa – diese Farben sind alle schön als Basis. Allein daraus eine Tapete zu machen, ist aber langweilig. Auf diese goldene Folie – statt Papier – haben wir eine matte, fast gummiartige Schicht mit Streifen gedruckt und der Glanz schimmert durch. Das ist also die Inspiration Marzipanpapier.

Aus welchen Quellen schöpfen Sie? Ist das ein aufmerksamer Blick auf die Umgebung?

Moritz: Ja, in diesem Beruf ist man einfach sensibilisiert für alles, was um einen herum passiert. Man möchte erfolgreich sein, aber auch etwas machen, das jeder optisch wahrnimmt und aufregend findet. Und sich möglichst anschafft.

Sie sagen, Ihre Kreationen sollen „anmachen, attraktiv und sexy sein. Aber es sollen nicht mehr als Akzente sein.“ Sind nicht Tapeten viel mehr als das?

Moritz: Eine Tapete kann einen Raum sehr verändern. Man kann damit sehr viel erreichen. Tapeten sind „emotion“. Sie erweitern den Horizont eines Raums, statt ihn auf seine vier Wände zu reduzieren.

Aber Tapeten waren in früheren Epochen schon mal populärer als heutzutage.

Moritz: Das ändert sich wieder, seit den letzten Jahren. Die Menschen haben wieder mehr Mut, Tapeten sind in. Sie lieben dekorative Dinge wieder.

Das Deutsche Tapetenmuseum in Kassel ist seit Jahren im Depot ....

Moritz: Leider. Die Sammlung ist sehr schön. Eine wirklich tolle Kollektion. Warum soll es in Deutschland nicht ein Museum für Tapeten geben? Und warum nicht in Kassel? Tapeten lösen Gefühle aus. Wer krank im Bett liegt und auf eine Tapete mit wunderschönen Blumen schaut, ist gleich etwas weniger krank.

Zur Person

Ulf Moritz (1939 geboren im heute polnischen Schroda) sagt, er habe mit seinen Ideen die Tapeten-Branche aufgerüttelt. Er arbeitete mit Kupferdrähten, Rosshaar oder Ananasfaser. Moritz will Stoffe machen für Leute, die keine Stoffe mögen, und Menschen verführen, die schon alles haben. Der Diplom-Textildesigner schuf für Firmen wie Sahco Hesslein, Vorwerk und Team by Wellis Vorhänge, Teppiche, Möbel, Vasen, Kacheln sowie Kataloge, Showrooms und Messestände. Moritz war Dekan der Design-akademie Eindhoven. Er lebt in Amsterdam: „Es gibt keine andere europäische Metropole mit solcher Freiheit und Lässigkeit. Es geht hier nicht um Prestige, sondern um Zufriedenheit.“

Das Programm

Die Ausstellung „Schöner Schein! Luxustapeten des Historismus von Paul Balin“ in der Neuen Galerie geht am Sonntag zu Ende. Das Programm zur Finissage (freier Eintritt, je Führung 2 Euro pro Person):

11 Uhr: Rotes Sofa mit Designer Ulf Moritz

13 Uhr: Führung „Durch Geschichte geadelt - Die Inspirationsquellen Paul Balins“

13.30 Uhr: Kostümführung mit einer Dame zu Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts.

14 Uhr: Kinderzeit: Tapetenwerkstatt

14.30 Uhr: Führung „Pariser Chic an der Wand - Wohnen mit Tapeten von Paul Balin“

15 Uhr: Ausstellungsrundgang

15.30 Uhr: Führung „Paul Balin - Patente, Passionen & Prozesse“

16 Uhr: Kuratorenführung „Der Vorhang fällt! Was bleibt vom schönen Schein?“

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