Im Interview: Künstler Andro Wekua stellt in der Kunsthalle Fridericianum aus

Desorientiert schadet nicht

„Die Pose ist auf jeden Fall mit einer gewissen Anstrengung verbunden“: Die Figur aus Andro Wekuas Ausstellung „Pink Wave Hunter“ praktiziert die Yoga-Pose Kobra. Name des Werks: „Should Be Titled“. Foto: Koch

Kassel. Der junge georgischstämmige Künstler Andro Wekua hat gerade eine große Einzelausstellung in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum. „Pink Wave Hunter“ verarbeitet unter anderem Erinnerungen an seine Heimatstadt Sochumi. Er zeigt Filme und Rauminstallationen, etwa von Gebäudemodellen aus Sochumi, die aus seiner Erinnerung rekonstruiert worden sind.

Eine maskierte Figur merkt, dass sie in einem Haus gefangen ist: Ihre Filme, die in der Ausstellung laufen, erzeugen mithilfe von Horrorfilm-Elementen ein Gefühl von Beklemmung. Wie machen Sie das?

Andro Wekua: Ich weiß vorher nicht, ob etwas beklemmend oder befreiend wird. Vielleicht bin ich selbst beklemmt. Der Film „Never Sleep With A Strawberry In Your Mouth“ ist erzählerisch wie ein Märchen. Ich arbeite Horror, Surreales und Science-Fiction-Elemente ein.

Mögen Sie Horrorfilme?

Wekua: Habe ich mal. Eine Zeit lang habe ich solche Filme viel geschaut. Ich bin aber kein Horror-Freak. Es war für mich erleichternd, so eine erzählerische Arbeit zu machen.

Im Film „By The Window“ flimmert die Erinnerung durch ein Fenster in ein Modellbauzimmer, wo eine Puppe am Tisch sitzt. Welche Macht hat Erinnerung über uns?

Wekua: Wenn ich das wüsste, hätte ich keine Arbeit mehr.

Sie sind mit 15 weggezogen, was ist Ihre prägendste Erinnerung an Ihre georgische Heimatstadt Sochumi?

Wekua: Ich habe glückliche Erinnerungen an meine Kindheit. Düster sind sie erst im Nachhinein geworden.

Was bedeuten Ihnen die Gebäude aus Sochumi, die Sie nachgebaut haben?

Wekua: Es war für mich interessant, in welchem Zustand sie sich jetzt nach dem Krieg befinden. Das ist ein Zustand, als wenn man in Hollywood einen Western dreht. Alles nur Fassaden, eine unbelebte Geisterstadt - nach dem Film warten die Gebäude auf ihre nächste Aufgabe. Sich die Stadt so vorzustellen, war das Interessante für mich. Ich habe lang überlegt, welche Gebäude ich mit welchem Material gestalte - von Wachs bis Aluminium.

Wie können die Betrachter der Ausstellung an Ihren persönlichen Erinnerungen teilhaben?

Wekua: Ich erkläre nichts zu meinen Arbeiten. Ich bin selbst ein Zuschauer. Ich gebe nichts aus dem Atelier, bevor ich damit nicht selbst zum Zuschauer geworden bin.

Zentrum der Schau sind zwei menschliche Figuren und zwei Delfine. Eine Figur praktiziert die Yogastellung Kobra. Was bedeutet Ihnen das?

Wekua: Ich habe selbst mal ein bisschen Yoga ausprobiert, Das war aber nicht mein Ding. Die Pose ist auf jeden Fall mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Wenn Leute darin für sich irgendetwas sehen, ist mir das genug.

Und die Delfine?

Wekua: Die Delfine sind Teil eines der Gebäude, die ich nachgebaut habe. Alle Elemente in diesem Raum der Ausstellung entsprechen Fragmenten von Gebäuden aus Sochumi, eine Neonschrift, ein Fenster. Erinnerungsreste liegen sinnlos herum, ich habe sie neu kombiniert.

Es fällt auf, dass die Räume, in denen Ihre Filme laufen, sehr dunkel sind. Das wirft die Betrachter ein bisschen ins Ungewisse. Mit Absicht?

Wekua: Wir haben extra nicht nur die Wände, sondern auch den Teppich und die Decke schwarz gemacht. Es kann nicht schaden, wenn man sich desorientiert fühlt.

Andro Wekua: „Pink Wave Hunter“, bis 5. Juni in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum, Mi bis So, 11-18 Uhr, mittwochs ist der Eintritt frei, sonst 5, ermäßigt 3 Euro. Der dreibändige Katalog kostet in der Ausstellung 25 Euro.

Von Bettina Fraschke

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