Detlev Bucks Film „Die Vermessung der Welt“ mit starken Bildern

Am Ende der Welt: Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch, links) und Aimé Bonpland (Jérémy Kapone) im Kanu. Fotos: nh

Ein Apfelschnitz kann die Welt sein. Wenn Carl Friedrich Gauß im schlammigen Norddeutschland zwischen Entengewatschel und Schmutzwäsche die Erde vermisst, überlegt er anhand der Frucht die Tücken der geografischen Messung einer gekrümmten Fläche.

Ein Schmetterling kann die Welt sein. Wenn Alexander von Humboldt (blass: Albrecht Abraham Schuch) im südamerikanischen Regenwald die riesigen blauen und schwarzbunten Falter sammelt, kommt er aus dem Staunen über die exotischen Wunder nie heraus.

Daniel Kehlmann hat in seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ ein Doppelporträt der beiden Wissenschaftler verfasst, die vor rund 200 Jahren wirkten. Detlev Buck hat den Roman jetzt verfilmt. Mit zwiespältigem Ergebnis. Die ambitionierte 3D-Umsetzung löst sich nicht ein - unentwegt müssen Staub oder Federn rieseln, um den räumlichen Eindruck zu verstärken. Auch die paar optischen Überwältigungseffekte tragen nichts zur Geschichte bei.

Immer hinter Messgeräten: Gauß (Florian David Fitz) mit Johanna (Vicky Krieps).

Bereits das Buch hat keinen echten Spannungsbogen - das macht es dem episodenhaft zwischen beiden Welten hin- und herspringenden Film ebenso schwer wie die Figurenkonstellation, in der es kaum Konflikte gibt. Dennoch kann Buck einiges rausholen aus dem Stoff. Die unendliche Einsamkeit der beiden Genies wird zum Beispiel spürbar, ohne dass sie ausgestellt werden muss.

Gauß (überzeugend: Florian David Fitz) weiß schon als Kind, dass er ein Mathegenie ist - schließlich wird er vom Lehrer dafür mit dem Rohrstock versohlt, aber auch mit einem Stipendium versorgt. Er kann sein Wissen nie mit jemandem auf Augenhöhe teilen - der Herzog von Braunschweig hält sogar das Buch, das ihm Gauß feierlich mit seinen Arbeitsergebnissen überreicht, falsch herum. Mühevoll reist der in Göttingen wirkende Gauß nach Königsberg, um den alten Immanuel Kant zu treffen, in der Hoffnung auf einen Austausch unter Gleichgesinnten. Doch der Großdenker ist abgetaucht in der Senilität und verlangt nur nach Wurst.

Humboldts Wunsch, Flora und Fauna zu erkunden, mit dem Kanu immer tiefer in den Urwald hineinzugleiten, brennt wie Dschungelfieber. Er hat aber auch keine Probleme damit, herrenmenschenhaft aufzutreten und den Einwohnern als kuriose Trophäe ihre Leichen zu stehlen.

Der Wissenschaftsstoff wird in eine derbe Komödie gekleidet, deren Figuren teilweise plakativ wirken wie aus dem Comic. „Switch reloaded“-Star Max Giermann gibt den preußischen Soldaten mit Nussknackergebiss, Katharina Thalbach die augenrollende Gauß-Mutti, Michael Maertens präsentiert als Herzog ausgiebig faulige Zahnstummel. Wie derlei Witz in den bildungsbürgerlichen Stoff passgenau eingebaut ist, ist eine Regieleistung Bucks.

Genre: Biografie

Altersfreigabe: ab 6 Jahren

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

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