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Der Ukraine-Krieg hält Einzug auf der Bühne

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Von: Ute Lawrenz

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Umgeben von dunkler Einsamkeit: Jenny Weichert (von links), Nathalie Thiede und Marco Matthes.
Umgeben von dunkler Einsamkeit: Jenny Weichert (von links), Nathalie Thiede und Marco Matthes. © Thomas Aurin

Erschütternde Premiere im Deutschen Theater in Göttingen: Dort wurde das Stück „Zerstörte Straßen“ aufgeführt, das im Krieg in der Ukraine spielt.

Krieg verändert die Menschen, verändert das Leben. Das zeigt das Stück „Zerstörte Straßen“ der ukrainischen Autorin Natalia Vorozhbyt, das jetzt im Deutschen Theater in Göttingen gezeigt wird. Die Inszenierung von Niklas Ritter macht spürbar, wie der Krieg mit all seiner Grausamkeit vordringt bis in die Zuschauerreihen. Vor dem Applaus: betroffene Stille, ein Aufatmen, dass die Schrecken nun vorbei sind.

Die Türen im Theater werden geschlossen. Dunkelheit. Stille. Auf der Bühne schwarze Bögen, übermannsgroß, wie ein Walskelett. Ein starkes Bild in düsterer Beleuchtung (Bühne und Kostüme: Karoline Bierner; Bühne und Lichtdesign: Norman Pathe-Narr). Der Krieg hält auf der Bühne Einzug.

Zunächst erzählt nur eine Stimme die Geschichte der Autorin Natascha, die kurz nach Ausbruch des Kriegs im Donbass das Angebot des Soldaten Sergej wahrnimmt, ihn an die Front zu begleiten. Sie verliebt sich und lernt mit ihm die grausame Welt des Krieges kennen.

Dass die beiden unterwegs sind, wird dadurch deutlich, dass das schwarze Skelett sich fast unaufhörlich dreht. Wie in einem Road Movie des Krieges eröffnen immer wieder neue Szenen neue Blickwinkel auf den Krieg. Ein Schulleiter gerät in eine Kontrolle und erlebt furchteinflößende Schikanen, eine Schülerin wird zur Soldatenhure, eine Sanitäterin trauert um ihren getöteten Geliebten, der Leichnam ist im Kofferraum des Autos, mit dem sie gerade unterwegs ist. All das mitzuerleben, ist schon schrecklich genug. Doch Natascha soll nicht nur Beobachterin bleiben. Sie wird gedemütigt, bepinkelt, missbraucht – und wird nach ihrer Rückkehr in ihr Kiewer Zuhause trotz all dem ein normales Leben führen.

Schonungslos spielt und erzählt das Ensemble mit Jenny Weichert als Natascha sowie Marco Matthes, Daniel Mühe, Nathalie Thiede, Paul Trempnau und Tara Helena Weiß in verschiedenen Rollen – manchmal etwas verwirrend – erschreckende Szenen. Die Stimmung unterstützt Michael Frei mit auch verstörenden Klängen auf der Gitarre. Für etwas Lachen sorgen Nathalie Thiede und Daniel Mühe, die allein mit ihrer Stimme ein nicht mehr anspringen wollendes Auto mimen. Zeit zum Luftholen bietet auch die Szene, in der ein Bauernpaar einen wahnwitzigen Preis für ein totgefahrenes Huhn erhandelt. Die kurzen Erholungspausen sind bitter nötig an diesem Abend, der Grenzen überschreitet, der nicht fragt, was auf der Bühne erlaubt ist. Auch im Krieg wird nicht gefragt. Wer kann, nimmt sich, was er braucht zum Überleben. Ein Aufatmen war nach der Premiere von rund 100 Minuten aus dem Publikum zu spüren, dann langer Applaus für die große Leistung.

Wieder am 16. und 20.12.

dt-goettingen.de

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