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Parabel über Ausbeutung

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Von: Bettina Fraschke

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Deutsches Theater in Göttingen: Christoph Türkay (von links), Lukas Beeler, Paul Trempnau, Judith Strößenreuter, Tara Helena Weiß und Marco Matthes in der Inszenierung „Die Früchte des Zorns“.
Immer unterwegs: Christoph Türkay (von links), Lukas Beeler, Paul Trempnau, Judith Strößenreuter, Tara Helena Weiß und Marco Matthes. © Jennifer Hörr

Umjubelte Premiere von „Früchte des Zorns“ am Deutschen Theater in Göttingen: Regisseur Christoph Mehler arbeitet die Universalität des Stoffes heraus.

Göttingen – Ein einziger Mann auf einem Traktor ersetzt die Arbeitskraft von zwölf Familien. Die Industrialisierung der Landwirtschaft in den 1930ern machte Hunderttausende arbeitslos und heimatlos. Viele kleine Pächterfamilien verloren ihre Häuser und Parzellen, weil die Felder der Farmen in den Weiten des Landes so umgestaltet wurden, dass sie von Maschinen bewirtschaftet werden konnten. Der amerikanische Romancier John Steinbeck gab ihnen 1939 in seinem Roman „Früchte des Zorns“ eine Stimme. Am Deutschen Theater in Göttingen inszeniert Christoph Mehler das Epos als bedrückendes Panorama der Ausbeutung und Resignation. Die Premiere am Samstag wurde bejubelt und mit Fußtrampeln gefeiert.

„Die wollen irgendwo hin, wo sie leben können, das ist alles.“ Ansprüche hat die Familie Joad wahrlich nicht. Eine Arbeit, die sie ernährt, eine menschenwürdige Bleibe, vielleicht mit fließendem Wasser, einen Ort, wo das Baby der Tochter Rose sicher auf die Welt kommen kann, wo Polizeiwillkür und kapitalistische Skrupellosigkeit den Alltag nicht bedrohen.

In 110 eindrucksvollen Minuten verweht jedoch jede Hoffnung im ewig brausenden Wind über der Prärie, wird die Kraft der Gemeinschaft, deren Zusammenhalt anfangs eine wichtige Stütze der Farmer und Wanderarbeiter war, im Dauerregen Kaliforniens weggespült. Auf den dortigen Obstplantagen hatte sich die Familie ein stabiles Auskommen erhofft.

Regisseur Mehler und seine Ausstatterin Jennifer Hörr setzen auf Abstraktion. Auf leerer, lediglich effektvoll beleuchteter Bühne und mit schwarzen Overalls für alle Darsteller unterstreichen sie den Anspruch, eine universelle Geschichte von Flucht und Ausbeutung zu erzählen. Und sie würdigen die Romanvorlage, in dem sie dem epischen Ton angemessenen Raum geben. Viele erzählende Elemente, oft chorisch gesprochen, prägen den Abend.

Dazwischen: Kürzere Spielszenen, Prügeleien, Dialoge. Warum beim Erzählen aber so oft gerufen oder geschrien werden muss, ist allerdings nicht nachvollziehbar. Außer vielleicht ganz am Ende, als das Grauen so furchtbar wird, dass man es womöglich anders als von einer fast schreienden Sprecherstimme berichtet noch viel weniger ertragen würde.

Im leeren schwarzen Bühnenkarree stehen Christoph Türkay, Gabriel von Berlepsch, Lukas Beeler, Paul Trempnau, Judith Strößenreuter, Tara Helena Weiß, Marco Matthes und Daniel Mühe oft ganz vorn an der Rampe. Manchmal ist das Licht so eingestellt, dass sie nur als schwarze Silhouetten vor einer grauen Nebelwand sichtbar sind. Sie sprechen von den Farmern, die zu Wanderern werden. Die auf der Route 66 unterwegs sind. Ein Flüchtlingstreck von Abertausenden, „die Mutterstraße, die Straße der Flucht“. Und man kann nicht anders, als im eigenen Kopf andere Bilder zu sehen, von Flüchtenden in Afrika oder an der mexikanischen Grenze. Im Nebelgrau leuchten dann rote Fetzen auf: Alle recken Zettel hoch, auf denen ihnen noch in der Heimat Arbeit versprochen worden war. Fast zynisch wirken diese Anwerbe-Blätter, die keinerlei Verbindlichkeit bergen, wie sich bald herausstellt.

Immerhin gibt es einen Moment des Friedens, der sich voll ins Parkett überträgt: Als die Wandernden auf ihrer ersten Plantage ankommen, hält jeder eine Orange in der Hand. Sie beißen hinein. Stille. Genüssliches Kauen, Saft läuft Kinne herunter. Wohliges Seufzen.

Von Bettina Fraschke

Wieder am 8., 25.11. dt-goettingen.de

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