Sabine Simons ungewöhnliches Projekt „Versuchsanordnungen“ am Staatstheater

Sangen wuchtige Zeilen über die deutsche Vergangenheit: Jorgos Athanassiou (links) und Kezban Kilic. Foto: Klinger

Kassel. Gewollt oder unbeabsichtigt: Für die Premiere ihres Projekts „Versuchsanordnung 4: Dichterliebe?“ im Kasseler tif (Theater im Fridericianum) hätte sich Regisseurin Sabine Simon keinen besseren Zeitpunkt als den 11. September aussuchen können.

Bei jedem Jahrestag der Terroranschläge auf die USA wird über den Kampf der Kulturen geredet. Diesmal sorgte der Provokateur Thilo Sarrazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ für zusätzliche Schlagzeilen.

Um die Aspekte der emotionalen Vielschichtigkeit geht es dabei kaum. Genau diese Parameter der physischen und psychischen Erfahrbarkeit zeichnet Simon in ihre Bühnendarsteller hinein. Es sind Tänzerinnen, Laiendarsteller und Musiker verschiedener Nationalitäten, die sie mit dem 1840 entstandene Liedzyklus „Dichterliebe“ (Musik: Robert Schumann, Text: Heinrich Heine) konfrontiert.

Zu Beginn trennt ein Netz die Darsteller von den Zuschauern. Eine kommunikative Barriere, doch die Transparenz deutet die Möglichkeit des Zueinanderfindens an. Man beobachtet einen türkischen Jungen (Melih Bingül) beim Fußballspielen. Zwei osteuropäisch aussehende Frauen (Mareike Steffens/Louisa Jacobs) reiben sich in Bikinis genüsslich durch eine moderne Tanzchoreografie. Dabei singt ein Grieche (Jorgos Athanassiou) wulstig-gewuchtete Zeilen einer deutschen Vergangenheit, die gar nicht dazu zu passen scheint. Die Epoche der Romantik hat nicht unbedingt was mit dem Begriff „romantisch“ zu schaffen. So macht man aus Migranten keine „guten Deutschen“.

Die Deutschen (Kurt Sogel/Anja Köhne) langweilen sich vor der Wand und fragen sich, ob das Sommermärchen vielleicht gar keines war. Irgendwann ist das Netz verschwunden, doch die Irritation der scheinbar unüberbrückbaren Unterschiede wird mit jedem Vers deutlicher.

Langsam mündet der Klangraum in argentinischen Tango, den eine Band (Leiter: Donato Deliano) als sinnliche Schnittstelle der Kulturen andeutet. Es wurde fast dunkel auf der Bühne, doch die Band stand bis zum Schluss im Licht. Hoffnung, dass es doch Wege und Lieder geben wird, die die Menschen zusammenführen. Großer Applaus für eine gut gespielte, feinfühlig inszenierte, jedoch etwas harmlos komponierte Ode an die Aufmerksamkeit.

Weitere Termine am 9., 10. und 16. Oktober. Karten: 0561/1094-222.

Von Andreas Köthe

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