"Stranger to Stranger" 

Dichtes Gewebe aus Klängen: Neue CD von Paul Simon

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Auch mit 74 künstlerisch kreativ: Paul Simon.

Die Songwriter-Legende ist auf dem neuen Album „Stranger To Stranger" experimentierfreudig.

Wie langsam kann man klatschen? Bostoner Flamencokünstler haben ihre künstlerischen Hand- und Fuß-Geräusche zur Verfügung gestellt für Paul Simons neues Album „Stranger To Stranger“. Zum Beispiel für den Eröffnungssong „Werewolf“ wurde ihre Percussion auf Zeitlupe runtergebremst, sodass im Hintergrund eine geheimnisvolle Klangtextur entsteht, aus der der Gesang aufzublühen scheint. Geheimnisvoll ist auch der Beginn des Songs, ein einzelner, fast ein wenig jaulender Ton erklingt: Es ist die gezupfte Saite des indischen Ein-Saiten-Instruments Gopichand.

Paul Simon, einer der größten Songwriter der Popgeschichte, Schöpfer von unsterblichen Liedern wie „Sounds Of Silence“, „Late In The Evening“ oder „Call Me Al“ zeigt sich auf dem experimentellen Album „Stranger To Stranger“ erneut in Hochform. Mit fast 75 Jahren hat er den Rat seines großen Vorbilds Philipp Glass beherzigt, der ihm sagte: Wenn du es nicht machst, würde niemand Paul-Simon-Songs schreiben.

Fremd – wie der Titel es nahelegen würde – klingen die elf Songs nicht, dazu ist Paul Simons Stimme viel zu sehr Bestandteil des allgemeinen Gedächtnisses, währt seine Karriere doch schon über 50 Jahre. Dazu trägt auch eine ganz besondere Kooperation bei: Simon ließ das Album von dem 81-jährigen Roy Halee produzieren, der bereits 1964 den typischen Simon-and-Garfunkel-Klang schuf. Wieder umgibt ein eigener Klangraum Paul Simons Gesang, ein Resonanzfeld, das dem Charakter der Stimme, der Melodie und des Textes ein wenig mehr Platz lässt, als das vielleicht anderswo üblich ist.

Simon hat die Titel aus seiner Klangtüftelei heraus entwickelt: Erst war der Sound da, dann kamen Textzeilen, Thema, Melodie. Es sind besonders dichte Texturen diesmal, vielfädige, fein gewirkte Musikgewebe, bestehend aus der Arbeit der Flamencokünstler, des italienischen Dance-Musikers Clap!Clap!, inspiriert von Klangtheoretiker Harry Partch, der in einer Oktave nicht zwölf, sondern 43 Töne hörte, und sogar aus der rückwärts abgespielten Aufnahme eines Gospelquartetts aus den 1930er-Jahren.

So macht es viel Spaß, die Ohren aufzusperren, und bei „Stranger To Stranger“ immer wieder andere Tiefenschichten zu ergründen. Zu den Höhepunkten gehört das Titelstück, wo das Tiki-Taka der elektronischen Dance-Music mit einer einsamen Jazz-Trompete kontrastiert ist. Das instrumentale „In The Garden Of Edie“ ist Simons Frau Edie Brickell gewidmet, „The Riverbank“ erinnert an den Amoklauf an der Sandy-Hook-Elementary-School. „Cool Papa Bell“ ist nach einem Baseballstar benannt, die smoothen Calypso-Akzente werden von einer tanzbär-artig aufspielenden Tuba kontrastiert.

Wie leichtfüßig all das daherkommt, wie hell die Stimmungsfarben werden können, zeigt vielleicht am schönsten das romantische „Proof Of Love“, wo Paul Simon zu dem (Lebens-)Fazit kommt, dass da, wo Worte schwinden, immer die Sprache der Musik bleibt. Und mit zartestem Flamencoklatschen klingt der Titel ganz leise aus.

Paul Simon: Stranger To Stranger (Concord/Universal), Wertung: 5 von 5 Sternen.

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