„Die Auferweckung des Lazarus“ wieder in Schloss Wilhelmshöhe

Kassel. Es war „in einem schrecklichen Zustand“, berichtet Claudia Kluger. Ein Dreivierteljahr war die Baunataler Restauratorin vom Atelier Kluger & Böhme damit beschäftigt, das Gemälde „Die Auferweckung des Lazarus“ von Girolamo da Santa Croce (1480/85 - 1556) zu restaurieren.

75 Jahre lang, seit der kriegsbedingten Auslagerung im Reichsbahnbunker, war es nicht mehr öffentlich zu sehen - ab sofort hängt es im Museum Schloss Wilhelmshöhe.

„Eine vorösterliche Auferstehung“, findet Dr. Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister, und Anne Harmssen, Leiterin der Restaurierungswerkstatt, freut sich über die leuchtende Farbigkeit sowie die neue Raumwirkung: Das Bild habe an Tiefe gewonnen.

Das venezianische Gemälde (entstanden um 1525-30) im extremen Querformat von 1,05 x 2,88 Metern hatte schon die Jahrhunderte nicht gut überstanden, seit es Landgraf Wilhelm VIII. in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Kassel erwarb. Aber es war nicht nur von extrem dunklem, vergilbtem Firnis überzogen und zudem übermalt worden, Farbe platzte ab. Am schlimmsten: Bei einem Rettungsversuch vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man das Bild „doubliert“, mittels Bügeleisen und einer Wachs-Harz-Mischung als Bindemittel eine weitere Leinwand auf die Rückseite geklebt. Dabei entwickelte sich zu starke Hitze, die Ölfarbe warf winzige Brandbläschen. Kluger spricht davon, dass durch Gase die Farbschichten „im Mikrobereich explodierten“. All diese geplatzten Hitzebläschen musste sie sorgsam „zutüpfeln“. Schließlich wurde auch der Rahmen wieder in einen gepflegten Zustand versetzt.

Auch eine Entdeckung machte Kluger: die rätselhaften Buchstaben „roy“ auf dem marmorierten Fußboden. Vielleicht die Reste einer Signatur? Um mehr herauszufinden, müsste man in den Archiven in Venedig forschen, sagt Lange. Vermutlich hing das Gemälde dort ursprünglich in einem Kirchenraum an einer Seitenwand, vielleicht in einem Hospital. Man weiß es nicht.

Einordnen lässt es sich stilistisch am Übergang von den eher statuarisch wirkenden Gemälden Gentile Bellinis, eines der großen Meister der venezianischen Renaissance-Malerei - dessen Schüler und Werkstattmitarbeiter Girolamo gewesen ist -, zu den bewegten Kompositionen eines Tintoretto oder Veronese. Während die Christusfigur wie ein Standbild wirkt, sind die Frauenfiguren Maria und Martha sowie der auferweckte Lazarus alle in Bewegung begriffen.

Hintergrund: Lazarus

Das in der Kunstgeschichte vielfach dargestellte Wunder der Auferweckung des Lazarus wird im Johannesevangelium (Kapitel 11) erzählt: Christus ruft in Bethanien den seit bereits vier Tagen verstorbenen Lazarus ins Leben zurück - wegen des Geruchs des Leichnams hält sich die Figur links auf Girolamo da Santa Croces Gemälde die Nase zu.

Das Bild thematisiert einen zentralen Aspekt christlichen Glaubens: die Hoffnung auf die Auferstehung. Maria und Martha, Lazarus’ Schwestern, stehen für unterschiedliche Glaubenshaltungen, die das neben dem restaurierten Bild hängende Gemälde „Jesus bei Maria und Martha“ von Francesco Bassano zeigt: Maria setzt sich Jesus zu Füßen, hört ihm zu, sie steht für die „vita contemplativa“. Martha, die für die Bewirtung sorgt, für die tatkräftige „vita activa“.

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