Interview mit Generaldirektorin Sabine Schormann: „Die Aufgabe ist ungleich größer“

Corona und die Folgen für die documenta

Das war vor Corona: Die Eröffnung des Village Video Festivals in der Jatiwangi Art Factory (JaF) in Indonesien 2017. Die JaF ist eines der „Lumbung-Mitglieder“, also einer der Partner im Konzept der Künstlerischen documenta-15-Leitung Ruangrupa, das auf Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung setzt.
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Das war vor Corona: Die Eröffnung des Village Video Festivals in der Jatiwangi Art Factory (JaF) in Indonesien 2017. Die JaF ist eines der „Lumbung-Mitglieder“, also einer der Partner im Konzept der Künstlerischen documenta-15-Leitung Ruangrupa, das auf Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung setzt.

Corona beeinträchtigt die Planung der documenta 15. Wie reagiert die Weltkunstausstellung auf die Pandemie? Kann sie 2022 ausgerichtet werden? Ein Gespräch mit Generaldirektorin Dr. Sabine Schormann.

Wann müssen Sie die Verlegung der documenta auf 2023 beschließen?
Wir gehen momentan davon aus, dass wir nicht verschieben müssen, sondern dass wir in der Lage sind, unter Bedingungen, wie wir sie etwa diesen Sommer hatten, eine überzeugende documenta durchführen zu können. Es ist ja mit den Impfungen ein gewisses Licht am Ende des Tunnels erkennbar und wir haben uns mit diversen Vorkehrungen auf die neuen Bedingungen eingestellt.
Selbst wenn im Laufe des kommenden Jahres eine Impfung möglich sein wird, ist es ja unvorstellbar, dass 2022 Kunstfreunde aus der ganzen Welt nach Kassel kommen.
Es kann sein, dass die Zusammensetzung der Besucher etwas anders aussieht, dass der Schwerpunkt auf Europa liegt. Das versuchen wir aufzufangen, indem wir Möglichkeiten bieten wollen, die documenta digital zu erleben. Aber gerade aus den Nachbarländern wird der Reiseverkehr hoffentlich wieder möglich sein. Hilfreich kann sein, dass die Venedig-Biennale, die Manifesta und andere große Kunstveranstaltungen auch erst 2022 stattfinden. Das ist für Besucher gerade aus Übersee ein Anreiz, gleich mehrere Ausstellungen zu besuchen.
Es ist auch nicht absehbar, ob sich dann dicht gedrängte Menschenmengen durchs Fridericianum schieben dürfen. Schauen Sie schon nach pandemiegerechten Standorten?
Ja, wir gehen davon aus, dass die documenta nicht genau so sein kann wie die vergangenen Male, dass Abstands- und andere Hygieneregeln eingehalten werden müssen. Darauf stellen wir uns ein: indem die Locations entsprechend groß sind und die Möglichkeit bieten, Besucherströme so leiten zu können, dass es nicht zu Massenandrang kommt.
Eigentlich ist derzeit die Phase, in der die Künstlerischen Leiter weltweit unterwegs sein müssten, um Künstler auszuwählen. Aber das geht nicht.
Das ist eine große Herausforderung. Hier kann ich nur den Hut ziehen vor der Künstlerischen Leitung und dem Artistic Team, die seit März so gut wie ausschließlich im digitalen Raum unterwegs sind und unendlich viele Zoom-Konferenzen umsetzen, auch digital Ateliers besuchen und mit den „Lumbung-Members“ konferieren. Sie bringen die Themen mit Engelsgeduld, hoher Energie und großer Leidenschaft voran. Aber Sie können sich vorstellen, dass das persönliche Gespräch nicht komplett zu ersetzen ist.
Kunst im Atelier zu sehen, ist etwas anderes als ein digitaler Einblick.
Absolut. Das ist ein großer Unterschied. Und die Künstlerinnen und Künstler müssen sich ja auch mit den Räumlichkeiten in Kassel auseinandersetzen. Ein Spezifikum der documenta ist ja, dass viele ortsgebundene Arbeiten entstehen. Das geht natürlich, ohne vor Ort zu sein, nur mit großer Anstrengung und Fantasie. Das gilt umso mehr, wenn man von weit her kommt und überhaupt keine Vorstellung hat, wie Kassel aussieht.
Eigentlich ist jetzt auch der Zeitpunkt, zu dem die Künstlerischen Leiter Kassel kennenlernen. Das war das besondere Ziel von Ruangrupa. Auch da gibt es erhebliche Hindernisse. Wie gehen Sie damit um?
Erfreulicherweise sind Iswanto Hartono und Reza Afisina seit August mit ihren Familien in Kassel angesiedelt. Sie sind oft in der Stadt unterwegs und treffen sehr viele Menschen und Initiativen. Auch im Ruru-Haus hat es häufig Austausch und Präsentationen gegeben, alles, soweit das bei den aktuellen Beschränkungen möglich ist. Natürlich ist das leider nicht in der Form zu machen, wie das geplant war. Und das wird noch einige Monate dauern. Ich finde, unter den gegebenen Umständen wird sehr viel geleistet und Kreativität gezeigt.
Das Ruru-Haus in der ehemaligen Sportarena ist zentraler Baustein des Konzepts. Das wird realistisch gesehen bis ins Frühjahr nicht so öffnen dürfen, wie sich Ruangrupa das vorstellt.
Ja, weil es nicht zulässig ist. Wir haben schon mehrere Planungen ändern müssen. Das ist natürlich eine Herausforderung für das gesamte documenta-Team, weil man ständig nicht eines plant, sondern immer mehrere Pläne parallel bewegen muss. Letztlich haben wir alle keine Kristallkugel, in der wir sehen können, wie es hundertprozentig genau 2021 oder auch 2022 aussehen wird. Insofern sind wir ständig dabei, uns anzupassen und Alternativen zu überlegen, um mit der Situation bestmöglich umzugehen. Aus meiner Sicht ist das Team großartig und ich kann allen nur ein Kompliment machen, die sich damit ständig auseinandersetzen. Eine documenta vorzubereiten, ist sowieso eine riesige Aufgabe. Aber so ist sie noch ungleich größer.
Das kann furchtbar deprimieren. Oder setzt es vielleicht Kräfte frei, im Sinne einer Jetzt-erst-recht-Motivation?
Das ist auf jeden Fall zu verspüren, dieses „Wir schaffen das“ und „Wir schaffen das gemeinsam“. Insgesamt ist die Stimmung sehr gut und positiv. Und es macht Freude, mit Ruangrupa zu diskutieren. Es ist eine schöne Art des Miteinander-Umgehens. Wenn es mal zu Unstimmigkeiten kommt, wird viel über Humor aufgelöst. Auch das erleichtert das Arbeiten.
Was hatte es mit dem Plan auf sich, in Kasseler Krankenhäuser zu gehen?
Insgesamt versucht Ruangrupa – das merkt man an vielen Stellen – sich mit dem echten Leben zu beschäftigen. Ruangrupa sieht keine strenge Trennung zwischen Kunst und Leben. Ihr Thema ist immer, wie die Kunst in das Leben hineinwirken kann. Vor diesem Hintergrund sind Krankenhäuser und andere Einrichtungen Orte, von denen sie den Eindruck haben, dass Kunst eine positive Wirkung entfalten kann. Ob die Zeit für die Krankenhäuser ausreicht, muss sich zeigen. Insgesamt ist die Zeit an dieser Stelle der größte Engpass.
Was würde dagegen sprechen, zu verschieben? Es würde den Etat strapazieren, weil das Team länger bezahlt werden müsste …
… und auch die schon reservierten Locations. Natürlich wäre das eine finanzielle Belastung. Es gibt ja jetzt einen bestimmten Zeithorizont, den wir uns für die Planungen gesetzt haben. Insofern sind wir momentan guten Mutes, dass es gehen kann. Falls wir feststellen, dass in der Vorbereitung zu viel Zeit verloren gegangen ist, ist das der entscheidende Punkt, an dem wir sagen müssten, die documenta kann nicht mehr so werden, wie wir sie erwarten würden. Eine Entscheidung über eine mögliche Verschiebung müssten wir bis zum Sommer nächsten Jahres treffen.
Können Sie sich tatsächlich eine documenta im Internet vorstellen? Oder als eine Art Hybrid-Ausstellung, die Präsenz in Kassel und im Netz koppelt?
Eine reine documenta im Internet kann ich mir nicht vorstellen. Die persönliche Begegnung mit der Kunst, mit den Werken, mit den Menschen, die sich damit auseinandersetzen, gehört einfach dazu. Dass wir Menschen, die nicht kommen können, bestimmte Teile der Ausstellung digital zugänglich machen, sollte auf jeden Fall dazugehören.
Aber es fehlt das gemeinsame Erleben an einem Ort.
Exakt. Das macht ja eine documenta in großen Teilen aus, von Kunst gemeinsam erschüttert, bewegt oder auch inspiriert zu werden. Das kann digital nicht in gleicher Form stattfinden. Aber wer aus Übersee nicht kommen kann, könnte sich vielleicht einen „echten“ Führer mieten, der mit einer Kamera hier beschreibend durch die Ausstellung geht. Etwa in der Richtung.
Oder passt ein weltweiter Kunsttourismus vielleicht gar nicht mehr in die Zeit?
Ruangrupa geht es um einen bewussten Umgang mit Ressourcen. Und um eine breit gefächerte Nachhaltigkeit. Das ist ein ganz wichtiges Thema, und es gilt auch für Mobilität. Insofern ist das Ziel bestimmt kein Gigantismus, also größer, schneller, höher, weiter. Sondern vernünftig, nachhaltig, mit Ressourcen umzugehen – dem Vorbildcharakter der documenta entsprechend. Die Sammler in Privatjets sind nicht unbedingt die Zielgruppe, die Ruangrupa zuerst im Blick hat. Eine klimaneutrale documenta wird nicht möglich sein, aber man kann von Gastronomie bis Ausstellungsbau und Infrastruktur auf Klimaschutz Rücksicht nehmen und die sozial und ökologisch vertretbarsten Lösungen wählen. Wir hätten beispielsweise auch viele der Digitaltreffen ohne Corona gemacht. Das Kuratorenteam wollte gar nicht so viel reisen, um die Umwelt zu schonen. Nur nicht so stark reduziert, wie es jetzt erforderlich ist …
Aber hat es nicht eine gewisse Tragik, wie Ruangrupa ausgebremst wird? Ihr Konzept beruht auf Austausch, Begegnung, dem „gemeinsamen Abhängen“. Auf all dem, was zurzeit gerade nicht geht.
Das ist natürlich bedauerlich. Aber sie sind eben auch sehr kreativ, Auswege zu finden und das Konzept in dieser Hinsicht abzuklopfen. Und das Nongkrong, das „gemeinsame Abhängen“, kann auch im Internet erfolgen. Bei den großen Konferenzen mit Teilnehmern auf mehreren Kontinenten schwatzt man auch mal ganz normal – nicht über Notwendiges, sondern über Menschliches. Oder wir treffen uns auf eine Kaffeepause bei Zoom. Das schweißt auf eine andere Art auch zusammen. Aber ohne Corona wäre es sehr viel schöner.
Zusätzlich zu Corona gab es gerade Aufregung um gefälschte Einladungen an Künstler. Wie erklären Sie sich die Motivation der Urheber?
Ich glaube, das ist eine missglückte Aktivisten- oder Kunstaktion. Missglückt deshalb, weil sie sich gegen die Falschen, nämlich Künstlerinnen, Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren richtet und daher nach hinten losgegangen ist. Es gab ja schon frühere Versuche, das Einladungsgeschehen aufzuspießen. Es ist für viele ein Lebenstraum, auf der documenta zu sein. Das zu enttäuschen, ist fies.
Müssen Sie im Hinblick auf das documenta-Institut die Füße stillhalten? Tut sich etwas hinter den Kulissen?
Das ist die Aufgabe der Stadt als Bauherrin. Natürlich sind wir höchst interessiert, wie es weitergeht. Aber wir wollen nicht spekulieren.
Wie beurteilen Sie den Teil-Lockdown, der auch die Kultur hart trifft? Wie erleben Sie die Schließung des Fridericianums?
Das ist schon hart für alle Beteiligten. Auch für Tarek Atoui, dessen Ausstellung wir versuchen zu verlängern. Und es ist für das Team frustrierend, weil wir alles getan haben, um den Besuch so sicher wie möglich zu machen. Gerade in unseren großen Räumlichkeiten geht das ja auch gut. Umgekehrt respektieren wir, dass jetzt die Gesundheit und der Schutz von allen Mitmenschen und von uns selbst vorgehen. Ich finde sehr schön, dass es uns gelungen ist, mit Außenkunstwerken, wie mit Trisha Baga in der US-Wahlnacht, sichtbar zu zeigen: Wir sind nach wie vor da, und Kunst und Kultur tragen auch dazu bei, besser mit den Auswirkungen von Corona fertig zu werden. Wir hoffen einfach, dass wir baldmöglichst, selbst unter Einschränkungen, wieder öffnen können. (Mark-Christian von Busse)
Dr. Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH.

Zur Person: Dr. Sabine Schormann

Dr. Sabine Schormann (58), geboren in Bad Homburg, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Mainz. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit Schleiermachers Bedeutung für Leben und Werk Bettine von Arnims. Von 1992 bis ‘96 etablierte sie für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Bonn den Tag des offenen Denkmals. Während der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover hatte sie die Ausstellungs- und Projektleitung der Themenpark-Bereiche „Planet of Visions“ und „Das 21. Jahrhundert“ inne. Als Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der VGH-Stiftung hat sie unter anderem die Musiktage und das Literaturfest Niedersachsen entwickelt. Seit November 2018 ist Schormann Generaldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH. Sie ist verheiratet und wohnt in der Unterneustadt. (vbs)

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