„Die haben einen Hau“: Wildecker Herzbube Wilfried Gliem über Volksmusik im TV

Hawaii-Hemden statt Tracht: Wolfgang Schwalm (links) und Wilfried Gliem von den Wildecker Herzbuben. Foto: Sony

Kassel. Am Sonntag spielten indirekt auch die Wildecker Herzbuben im Münster-„Tatort“ mit. Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) lag im Krankenhaus neben einem Volksmusik-Fan, der den ganzen Tag die Wildecker Herzbuben hörte. Der Professor fand das schlimmer als die Folter in Guantanamo.

Wir sprachen mit dem Herzbuben Wilfried Gliem  (68) aus Wildeck-Hönebach (Kreis Hersfeld-Rotenburg).

Herr Gliem, konnten Sie über den „Tatort“ lachen? 

Wilfried Gliem: Durchaus. Ich mag Prof. Boerne sehr gern. Der Münster-„Tatort“ hat einen Humor, den ich gut verstehe. Am Sonntag konnte ich ihn leider nicht sehen, weil wir aufgetreten sind. Aber meine Frau hat es mir gleich gesagt, dass „Hallo, Frau Nachbarin“ gespielt wurde. Ich habe mich gefreut. Egal ob unsere Musik im Film positiv oder negativ dargestellt wurde: Es war eine ausgezeichnete Werbung.

Sonst hört man im Fernsehen kaum noch Volksmusik. Wie sehr ärgert Sie das?

Gliem: Die Lage ist dramatisch. Bei vielen Sendern sind Leute für das Programm verantwortlich, für die Volksmusik was Dummes ist. Wer das so interpretiert, ist selber dumm, weil er den Wert und den Sinn von Volksmusik und Schlager nicht erkennt. Es steht jedem zu, dass er die Musik schlecht findet. Aber wenn ich in einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bin, habe ich einen Auftrag. Und dann muss ich auch alle Leute bedienen, die meine Gebühren bezahlen. Die haben einen Bildungsauftrag, und diesen Auftrag erfüllen sie nicht mehr, indem sie manche Sparten weglassen.

Wieso hat volkstümliche Musik so ein schlechtes Image? 

Gliem: Es liegt daran, dass es viele semiintellektuelle Menschen gibt, die nicht zu Ende denken. Ich selbst bin auch kein Volksmusik-Freak, ich höre am liebsten Klassik. Aber ich weiß, welche Wirkung diese Musik auf die Menschen hat. Und diese ignoranten Arschlöcher setzen sich darüber hinweg. Damit beleidigen sie ein Millionenpublikum.

Wilfried Gliem im Interview mit Radio HNA:

Mit „ignorante Arschlöcher“ meinen Sie die Verantwortlichen von ARD und ZDF? 

Gliem: Ich meine nur die, denen es scheißegal ist, ob Lieschen Müller ihre Musik im Radio hören kann. Die sind völlig intolerant. An den meisten Schaltstellen sitzen ja unsere 68er. Die haben schon 1968 im Kopf nicht so richtig funktioniert. Viele dieser Leute haben einen Hau. Und den Hau halten sie durch, bis sie sterben.

Sie klingen verbittert. 

Gliem: Ich könnte mich auch über manche Schlagerkomponisten aufregen. Es gibt einen, den alle kennen, der geht ins Studio, kommt nach einer Stunde wieder raus und sagt: „Eben habe ich neun Titel komponiert.“ Und das wird auch noch veröffentlicht. Es ist wie überall auf der Welt: Die Guten ziehen sich immer mehr zurück. Weil die weniger Guten nur gut werden durch ihre große Klappe. Die schreien laut und machen die Guten kaputt. Die Welt wird kaputt geschwätzt.

Wenigstens bleiben die Wildecker Herzbuben, wie sie sind. Allerdings klingen Ihre alten Hits auf dem aktuellen Album „Sommer, Sonne, Herzilein“ plötzlich nach Disco-Schlager. 

Gliem: Wir spielen die Hits einfach in einem moderneren Rhythmus. Unsere Anhänger haben die alten Bekannten bekommen, sie haben nur einen anderen Anzug an. Die Idee dazu kam von unseren Produzenten. Ursprünglich war geplant, dass die Wildecker Herzbuben die Melodien der Südsee singen. Dann hat sich das Ganze mehr in Richtung Disco entwickelt. Ich habe das gar nicht genau mitbekommen. Wir kamen ins Studio und peng.

Nächstes Jahr sind die Wildecker Herzbuben in Hape Kerkelings Bestseller-Verfilmung „Ich bin dann mal weg“ im Kino zu sehen. Werden Sie jetzt auch noch zu Leinwand-Stars? 

Gliem: Das wird sich im Rahmen halten. Wir spielen nur eine Nebenrolle, zwei Country-Sänger in Jeans und mit Cowboy-Hut. Den letzten Drehtag haben wir diese Woche in Santiago de Compostela.

Waren Sie auch schon mal auf dem Jakobsweg pilgern? 

Gliem: Sehe ich so aus, als könnte ich so was machen?

Von Matthias Lohr

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