"Die Kunst geht vor die Hunde": Westernhagen im Interview

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Westernhagen hat wieder ein wirklich gutes Westernhagen-Album gemacht. Live aufgenommen in einem New Yorker Studio mit hochkarätigen Musikern bietet „Alphatier“ die komplette Palette von räudigem Rock bis zu intimen Balladen. Und wer aus den Songtexten Hinweise auf Liebeschaos und Gefühlswelt des 65-Jährigen erhalten will, der dürfte schnell fündig werden. Wir sprachen mit Marius Müller-Westernhagen in Berlin.

Herr Müller-Westernhagen, wie viel von einem „Alphatier“ steckt in ihnen selbst?

Marius Müller-Westernhagen: Die physischen Voraussetzungen eines Alphatiers fehlen mir komplett. Wer mich sieht, der weiß, dass der Titel also eher ironisch gemeint ist. Eingefallen ist mir der Titel auf Safari in Südafrika. Wir wurden fast von einem Elefanten angegriffen, einem richtigen Alphatier. „Alphatier“ ist zudem noch sehr wenig benutzt worden in der Kunst.

Musikalisch liefern Sie mit ihrer Band ziemlich ruppig klingenden Bluesrock. Ist „Alphatier“ ein „Zurück-zu-den-Wurzeln-Werk“?

Westernhagen: Das klingt immer so platt. Wir finden, dass es sehr modern klingt. Überhaupt nicht rückwärtsgewandt. Ich finde, „Alphatier“ ist mein bisher reifstes Album. Das hängt auch mit der Band zusammen. Wir haben ein fast brüderliches Verhältnis. Außerdem hatte ich in den letzten Jahren das Glück, dass mir sehr viele Ideen kamen.

Was hat Ihre Kreativität denn so angestachelt?

Westernhagen: Weiß ich auch nicht. Das hängt sicher auch mit meinem Privatleben zusammen.

Sie meinen die Trennung von ihrer langjährigen Ehefrau Romney (60) nach 25 Jahren Ehe und die neue Beziehung zu der Südafrikanerin Lindiwe Suttle (34), die auf Ihrem Album mitsingt.

Westernhagen: Genau. Über mein Privatleben spreche ich allerdings nicht.

„Halt mich noch einmal“ könnte ein Romney-Abschieds-Liebeslied sein. Sie singen „Es tut manchmal schrecklich weh, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen“.

Westernhagen (lacht): Das ist ihre Interpretation.

Und im letzten Lied „Wahre Liebe“ heißt es: „Das Schicksal hat mit mir Roulette gespielt, hat nicht gefragt, ob es mir passt“. Das kann man als Liebeslied an Lindiwe deuten.

Westernhagen: Ja, kann man.

Finden Sie es nervig, wenn die Leute Ihre Texte nach privaten Aussagen abklopfen?

Westernhagen: Das macht euch natürlich Spaß. Doch ich als Künstler will nicht alles erklären. Ich finde sowieso, die Kunst geht vor die Hunde, weil alles so ausgiebig erklärt wird, bis es noch der letzte Einzeller kapiert. In Filmen ist das ganz schlimm. Kunst sollte ein Anstoß sein. Die Leute sind es nicht mehr gewohnt, sich intellektuell oder emotional fordern zu lassen. So klingt das meiste in der Popmusik dann auch. Der Mainstream ist zu Tode langweilig.

Niemand begeistert Sie?

Westernhagen: Es gibt immer geile Rockmusik. Aber Rock ist inzwischen ja eine Nische. Als ich groß wurde, waren Jimi Hendrix oder Bob Dylan Popstars. Solche Leute passen heute in kein Format und hätten keine Chance.

Karrieren wie die des jungen Westernhagen…

Westernhagen: …wären heute kaum möglich. Ich vergleiche ja immer große Karrieren mit Jesus. Du reitest auf deinem Eselchen, ein paar Leute finden dich gut und jubeln. Dann werden das immer mehr, und manche von denen, die zuerst da waren, werden irgendwann sauer. Schließlich steigt das Potenzial an Neid und Hass so sehr, dass es zur Kreuzigung kommt - und genau in dem Moment musst du dein Ding weiter durchziehen. Wenn du Kraft genug hast, dann stehst du irgendwann wieder auf.

Die Überschrift für das Interview hätten wir dann jetzt.

Westernhagen (lacht): Um Gottes Willen! Unterstellen Sie mir bloß keine Vergleiche mit Jesus.

Westernhagen: Alphatier (Motor). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Steffen Rüth

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