documenta-Chefin Christov-Bakargiev "ist die Lady Gaga der Kunsttheorie“

So malt der Protagonist seinen Erfinder: Das Porträt, das Romanheld Ronny Läpplinger von Autor Christian Saehrendt geschaffen hat - tatsächlich stammt es von Illustrator Noyau. Foto: nh

Seinen ersten Roman stellt der in Hann. Münden aufgewachsene Kunstwissenschaftler Christian Saehrendt am Dienstag in Kassel vor: „Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger“.

Der Held ist Performance- und Konzeptkünstler, der mehr schlecht als recht von Porträts lebt, die er unter Pseudonym malt. Ein Gespräch über den Kunstbetrieb.

Der Turner-Preis, eine wichtige Auszeichnung für zeitgenössische Kunst, ist gerade für eine Installation verliehen worden, bei der sich ein abgeschrägter Mülleimer, eine Tischkonstruktion, Blätter und Säulen zu einer Art Park im Raum oder einer „urbanen Oase“ zusammenfügen. Das müsste Ihnen gefallen.

Christian Saehrendt: Bestimmt. Das ist immer die große Frage: Kunst oder Müll?

Sie machen sich über die aufgeblasene Sprache lustig.

Saehrendt: Das ist wie bei einem Ballon, bei dem man die Luft rauslässt. Dann liegt nur die schrumpelige Hülle da.

Was bleibt außer Worthülsen?

Saehrendt: Vor allem Unsicherheit. Bei Gegenwartskunst haben wir keine Qualitätskriterien. Man weiß nicht, was man morgen oder übermorgen noch davon wissen wird. Deshalb ist die ganze PR-Maschinerie so wichtig geworden. Durch lautes Trommeln muss man auf Künstler aufmerksam machen.

Ist Gegenwartskunst Scharlatanerie?

Saehrendt: Das wäre zu pauschal und unfair. Viele Künstler versuchen ernsthaft und geradezu heroisch, sich zwischen PR-Gags und Effekthascherei einen Weg durch den Kunst-Dschungel zu bahnen, eine anspruchsvolle Bildsprache zu entwickeln. Man muss aber dieses Vorurteil ernst nehmen. Man gilt in Deutschland gleich als Nazi oder Reaktionär, wenn man etwas gegen Gegenwartskunst sagt. Daher rührt eine Antihaltung. Die Kunst wird auf einen Sockel gestellt, egal wie banal oder langweilig sie ist. Es ist aber gut für die Kunst, aus dem Ghetto der Intellektuellen rauszukommen. Das Fridericianum übrigens muss ich loben. Da gehe ich gern hin. Rein Wolfs (der Leiter der Kunsthalle, d. Red.) hat so eine Tendenz zum Unheimlichen.

Die prämierte Arbeit von Martin Boyce ist von modernistischen Bäumen aus Beton von 1925 inspiriert. In Ihrem Buch heißt es, alle Kunst sei nur noch Zitat, es gebe nur noch Kunst, die sich ihrerseits auf Kunst bezieht.

Saehrendt: Es ist für Künstler fast unmöglich, die Moderne auszublenden. Da müsste man ein Einsiedler sein. Das Originelle besteht oft darin, alte Zutaten neu zu mischen. Aber wenn man nur noch zitiert, seine Kunst nur noch aus Versatzstücken nimmt, kann man schon vermuten, dass es schlechte Kunst ist.

Die Vorjahrespreisträgerin Susan Philipsz hat Pop-Songs in Supermärkten oder Treppenhäusern gesungen. Eines Ihrer Bücher heißt „Das kann ich auch!“ Das kann wirklich jeder.

Saehrendt: Das kann eben nicht jeder. Weil: Es hat schon jemand gemacht. Es hatte jemand diese Idee und hat sie in den Kunst-Zusammenhang gebracht. Damit ist dieser Platz besetzt. Nun wäre es nur noch eine Kopie, ein Abklatsch. Wir können es auch deswegen nicht, weil wir nicht im Kunstbetrieb drin sind. Nur dann kann man eine Alltagshandlung oder einen Alltagsgegenstand zu Kunst erklären. In den Kunstbetrieb muss man langsam hineinwachsen - etwa in einer Ausbildung.

Ihr Held trägt eine schwarze Hornbrille, um auszusehen wie der Künstler Thomas Hirschhorn. Die Kunstszene ist eine einzige Inszenierung.

Saehrendt: Die Selbstinszenierung hat überhand genommen. Künstler verwenden zu viel Zeit und Energie zum Networken, zur Präsentation, und zu wenig Zeit im Atelier. Das ist eine Hysterie: Wen kenne ich, wer nutzt mir, wie mache ich den besten Eindruck, wo sind die coolsten Partys?

Im Buch „Alles Bluff“ haben Sie das Täuschen vom Heiratsschwindler über das Plagiat bis zum sozialen Netzwerk beleuchtet. Ihre These ist, dass „Mehr scheinen als sein“ das Ideal unserer Gesellschaft ist.

Saehrendt: Künstler, Kuratoren und Galeristen sind die Pioniere bei dieser Hochstapler-Epidemie. Im Kunstbereich muss man so tun, als könne man kraft Intuition Müll von Gold unterscheiden. Aber niemand weiß, was Bestand haben wird.

Wollen wir alle geblendet werden? Wie in „Des Kaisers neue Kleider“?

Saehrendt: Das ist ein Phänomen der Auto-Suggestion. Im Theater gibt es die Mode, dass immer mehr geklatscht wird. Die Leute sagen: Ich hab einen teuren Platz bezahlt, ich möchte ein großes Kunsterlebnis gehabt haben und beglückt rausgehen. So fahre ich auf die Venedig-Biennale, egal, was ich erlebe, es wird wunderbar sein. Das reimt man sich zusammen.

Es gibt böse Passagen in Ihrem lustigen Buch. Ihr Protagonist kann kaum seine Miete zahlen, er muss faule Kompromisse eingehen, malt unter Pseudonym Dekorationen fürs Bordell.

Saehrendt: Ich habe mich auch empirisch mit der sozialen Lage von Künstlern beschäftigt. Es reichte mir aber nicht, ein Sachbuch zu schreiben. Im Scheitern steckt so viel drin an Emotionalität. Deshalb der Schritt zur Satire, die so nah wie möglich, nur fünf Millimeter, an der Realität ist. Dieser fiktive Ronny steht für tausende Künstler. Wir schauen auf die Superstars, die Damien Hirsts, oder auf die tragisch früh Geendeten. Was ist mit den Tausenden in der Mitte? Denen wollte ich ein Denkmal setzen.

„dOCUMENTA (13) wird angetrieben von einer ganzheitlichen, öko-feministischen und nicht-logozentrischen Vision, die dem Wissen der belebten und unbelebten Welten-Schöpfer (darunter Menschen) innewohnt und von diesen erkannt wird.“ So lautet ein Statement von documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev. Freuen Sie sich auf die documenta?

Saehrendt: Das klingt absolut grauenhaft. „CCB“ kommt mir zurzeit vor wie die Lady Gaga der Kunsttheorie. Aber vielleicht fügt sich alles zusammen, es gibt die große Klarheit und ein Wunder. Immerhin: Sie hat guten Drive, Energie und ist kein Miesepeter, keine intellektuelle Säulenheilige. Das ist schon mal gut.

Christian Saehrendt: Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger, mit Illustrationen von Noyau, Walde und Graf, 272 S., 19,95 Euro, Wertung: fünf Sterne

Lesung am 13.12., 19.30 Uhr, Galerie Coucou, Werner-Hilpert-Straße 8, Kassel.

 

Zur Person

Der gebürtige Kasseler Christian Saehrendt (43) hat nach dem Abitur in Hann. Münden an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg Freie Kunst studiert, bevor er mit Freunden in Berlin eine Produzentengalerie gründete. Mit Anfang 30 schwenkte er um: Saehrendt wurde in Heidelberg als Kunsthistoriker promoviert. Er ist Autor von Titeln wie „Das sagt mir was! Sprachführer Deutsch-Kunst/Kunst-Deutsch“ und „Das kann ich auch! Gebrauchsanweisung für moderne Kunst“ (mit Steen T. Kittl). Zuletzt erschien bei Heyne „Alles Bluff! Wie wir zu Hochstaplern werden, ohne es zu wollen. Oder vielleicht doch?“. Saehrendt lebt am Thuner See in der Schweiz und in Berlin. (vbs)

Von Mark-Christian von Busse

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