Westbam zur Loveparade: "Das alles ist mir ein Stück fremder geworden"

„The Art Of Love“ lautet das Motto der Loveparade in Duisburg. 2007 in Essen sah die Art zu lieben so aus. Foto: nh

Die Loveparade ist nicht totzukriegen: Nachdem der Techno-Umzug im vergangenen Jahr abgesagt wurde, weil die Stadt Bochum kein geeignetes Gelände gefunden hatte, werden heute in Duisburg wieder mehr als eine Million Fans tanzen.

Kritiker bezeichnen die Loveparade längst als Karneval, weil sie nicht mehr in Berlin stattfindet, sondern im Ruhrgebiet, mittlerweile vom Fitnessketten-Besitzer Rainer Schaller organisiert und im Internet von Komiker Oliver Pocher kommentiert wird. Trotzdem legen wieder viele Star-DJs auf wie der Franzose David Guetta. Zum letzten Mal dabei ist Westbam, der seit 1989 auf jeder Loveparade den Sound bestimmt hat. Wir sprachen mit dem 45-jährigen DJ.

Westbam, wenn man in Bildarchiven die Loveparade sucht, findet man nur Fotos von tanzenden Massen unter strahlend blauem Himmel. Hat es in den zwei Jahrzehnten nie geregnet?

Westbam: Doch, bei der ersten Loveparade 1989. Und 1992 und 1996 hat es sogar richtig geschüttet.

Das ist eine ziemlich gute Quote. Bei Festivals wie Rock am Ring regnet es fast immer.

Westbam: Stimmt, das ist das Wunder der Loveparade. Sie ist mit gutem Wetter gesegnet. Ich erinnere mich noch an den Sommer 1997, als ich die Loveparade-Hymne mit dem Titel „Sunshine“ hatte. Es sollte längst losgehen, aber der Himmel war total bewölkt. Einige wollten, dass ich mit der Musik beginne, aber ich hab gewartet, bis sich die Wolken verzogen. Das war einer der geilsten Momente auf der Loveparade: Erst kamen die Sonnenstrahlen und dann die Beats von „Sunshine“.

Wieso ist nun Schluss für Sie?

Westbam: Als Berliner hätte ich es natürlich gern gehabt, wenn die Loveparade in der Hauptstadt geblieben wäre. Aber das Ruhrgebiet ist gut für die Loveparade - sonst wäre es gar nicht weiter gegangen. Ich glaube auch, dass jede Menge Kids dort in Zukunft ihre Aha-Erlebnisse haben werden. Dennoch habe ich festgestellt, dass mir das alles ein Stück fremder geworden ist. Vor zwei Jahren stand ich ein bisschen verloren in der Gegend rum. Es wird auch ohne mich weitergehen.

Immer wieder heißt es, Techno sei tot. Der Dortmunder Soziologe Ronald Hitzler hat das Phänomen Loveparade untersucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Szene nicht stirbt, es aber eine Ruhephase gebe. Was stimmt denn nun?

Westbam: Man muss unterscheiden zwischen der Loveparade und der Techno-Bewegung. In den 90ern war Techno der Soundtrack für eine Zeit des Aufbruchs nach dem Ende des Kalten Krieges. Berlin war dafür der ideale Ort. Alle waren euphorisch und auch ein bisschen naiv. In den Nullerjahren kam mit dem 11. September die große Sinnkrise. Da wollte man nicht mehr die Welt revolutionieren, sondern fragte sich: Was darf ich überhaupt noch? Es gab einen Rückzug ins Private. Extrovertierte Musik wie Techno, die sich was traut, passte nicht mehr. Die Loveparade wird trotzdem weiter dafür stehen, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und sie ist einfach auch ein großes Jugendfest.

Hat die Loveparade Massenveranstaltungen wie die Fan-Meilen während der Fußball-WM erst möglich gemacht?

Westbam: Auf jeden Fall. Der große Segen der Loveparade besteht nicht nur in den Impulsen für die Musik, sondern auch darin, das neue entspannte Deutschland möglich gemacht zu haben. Viele Holländer zum Beispiel haben früher oft gesagt: „Die Deutschen sind uns ein Graus.“ Dann sahen sie auf der Loveparade die Massen und fragten sich, ob sie nach Berlin ziehen sollten. Plakativ ausgedrückt: Erst die Loveparade hat den Zweiten Weltkrieg beendet. Sie hat gezeigt, dass Deutschland mehr ist als Panzer und „Vorsprung durch Technik“. Mittlerweile sind die Holländer sogar ein bisschen neidisch, weil die Deutschen den schöneren Fußball spielen.

Ihr DJ-Kollege Paul van Dyk meint, dass Techno ein Exportschlager in der deutschen Musik sei, wie er seit der Klassik vor 200 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Sind Sie nur unterwegs?

Westbam: Ich war der erste deutsche DJ, der durch die USA getourt ist und habe auf allen Kontinenten gespielt. Mittlerweile haben meine Kinder meine Reiselust gebremst. Ob man in Moskau, Brisbane oder Berlin auflegt - es ist eben doch nicht so viel anders.

Gerade ist das 3-CD-Album „Westbam: A Love Story 89-10“ (Bass Planet) erschienen.

Das WDR-Fernsehen überträgt die Loveparade heute von 13.40 bis 18.50 Uhr sowie von 22.45 bis 0.05 Uhr.

www.loveparade.de

Von Matthias Lohr

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