Jessica Schwarz im Interview über ihren neuen Film „Das Lied in mir“, Schwimmen und Tränen

„Die Lüge wird eine Wahrheit“

Jessica Schwarz spielt in Florian Cossens beachtlichem Regiedebüt „Das Lied       in mir“, das diese Woche in die Kinos kommt, die in Deutschland aufgewachsene Maria, die erfährt, dass ihre Eltern sie in Argentinien während der Militärdiktatur illegal adoptiert haben. In Buenos Aires macht sie sich auf die Suche nach ihrer Familie.

Was passiert mit einer jungen Erwachsenen, die plötzlich erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind?

Jessica Schwarz: Ich habe mich immer gefragt, ob man das nicht schon lange vorher spürt. In Argentinien gibt es immer noch vierhundert Fälle von illegaler Adoption aus der Zeit der Militärdiktatur, die nicht aufgeklärt wurden. Ich denke, viele von denen ahnen, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind, wollen es aber nicht wissen und entscheiden sich deshalb gegen einen DNA-Test. Denn die Folgen dieser Gewissheit sind sehr kompliziert.

Wie sind die betroffenen Adoptivkinder in Argentinien mit dieser schmerzlichen Erkenntnis umgegangen?

Schwarz: Da, wo unser Film aufhört, geht das Desaster ja erst los. Illegale Adoption ist in Argentinien die einzige Tat, die nie verjährt. Aber es gibt nur ein Adoptivelternpaar, das von seinem Sohn angezeigt wurde und im Gefängnis sitzt. Die meisten haben versucht, den Kontakt zu beiden Familien zu halten, was eigentlich unmöglich ist, weil die eine Familie der anderen schließlich ihr Kind geraubt hat. Die Zerrissenheit, in die man da als Tochter oder Sohn hineingerät, ist sehr schwer auszuhalten.

Können Sie sich vorstellen, wie die Adoptiveltern mit dieser Lebenslüge umgegangen sind?

Schwarz: Ich finde diese Vorstellung schrecklich. Ich hatte auch einmal ein Jahr lang meine kleine Lebenslüge. Das war ganz fürchterlich und hat mich körperlich fast zugrunde gerichtet. Die Erfahrung hat aus mir einen sehr viel ehrlicheren Menschen gemacht. Lügen fällt mir inzwischen sehr schwer. Wie man so etwas ein ganzes Leben durchziehen kann - das stelle ich mir unglaublich zermürbend vor. Aber vielleicht wird die Lüge, wenn man sie sich oft genug vorbetet, irgendwann eine eigene Wahrheit.

Maria ist Schwimmerin. Wie wichtig ist diese Sportart für die Charakterisierung der Figur?

Schwarz: Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich begeistert davon, dass Maria Schwimmerin ist. Ich bin meine ganze Jugend geschwommen. Dreimal die Woche zwei Stunden. Durch den Film bin ich wieder zum Schwimmen gekommen. Das ist eine Sportart, bei der man viel mit sich zu tun hat. Man zieht seine Bahnen zwei- oder auch viertausend Meter am Stück. Man denkt an nichts, ist allein mit der Atmung und der Technik beschäftigt. Für Maria ist das Wasser eine Art von Umarmung und ein Fluchtpunkt.

Wie haben Sie sich auf die hochemotionalen Szenen in diesem Film vorbereitet?

Schwarz: Maria ist ja eine Figur, die sehr viel in sich aufnimmt und wenig nach außen gibt. Sie ist als Schwimmerin sehr diszipliniert und hat ihre Glocke um sich herum. Für mich war es schwierig, den Punkt zu bestimmen, an dem sich Maria gehen lässt. Eigentlich hätte ich den Film durchheulen können. Aber da muss man ein bisschen haushalten mit Tränen und die Emotionen zurückdrehen. Aber als Maria zum ersten Mal ihre Familie trifft, habe ich wirklich gegen die Tränen angekämpft. Da musste ich fast nichts tun, weil die Schauspieler, die mir gegenüberstanden, unglaubliche Vorarbeit geleistet haben.

Aber es gibt auch einige Szenen, in denen Sie auf sich selbst zurückgeworfen sind.

Schwarz: Es gehört nun einmal zu meinem Beruf, Wunden aufzureißen. Da muss man in die Emotion reingehen. Vor einer solchen Szene schotte ich mich komplett ab, lass niemanden an mich heran, drücke die Gefühle zurück, bis ich weiß, dass es losgeht. Dann könnte ich stundenlang am Stück heulen. Über was man sich da so Gedanken macht, das will ich gar nicht erzählen. Das ist manchmal ganz schön grausam.

Von Martin Schwickert

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