„Die Natur ist auch Musik“: Extremkletterer Thomas Huber im Interview

+
Er brennt für das Klettern und die Musik: Thomas Huber mit seinen Bandkollegen von Plastic Surgery Disaster, die sich nach einer Kletterroute auf dem El Capitan in Kalifornien benannt haben, welche wiederum einen Song der Punk-Formation Dead Kennedys zitiert. Mit seinem Bruder Alexander war Thomas Huber (ganz rechts) der Star in Pepe Danquarts Kletter-Doku „Am Limit“.

Thomas Huber war schon oft ganz oben: Mit seinem Bruder Alexander gilt der Berchtesgadener als einer der besten Extremkletterer der Welt. Legendär sind die Rekorde der Huberbuam: Wofür andere Seilschaften mehrere Tage benötigen, klettert das Duo schon mal in zwei Stunden hoch.

Nach mehr als zehn Jahren mit seiner Band Plastic Surgery Disaster veröffentlicht der Hobby-Sänger nun das Debütalbum. Ihren harten Stoner Rock hat man schon in der Milchschnitte-Werbung gehört, wo die Huberbuam die Klitschko-Brüder ablösten. Wir sprachen mit dem 47-Jährigen.

Herr Huber, Ihr Kollege Dean Potter hat das Klettern eine Metapher für das Leben genannt: „Man kann nur wachsen, wenn man sich der Angst stellt.“ Wie viel Angst hatten Sie, als Sie zum ersten Mal mit Ihrer Band auf der Bühne standen? 

Thomas Huber: Angst vor der Bühne hatte ich nie. In der Winterzeit halte ich ohnehin jeden Tag Vorträge. Ich habe nicht wirklich Angst im Leben.

Nicht einmal wenn Sie aus dem Haus gehen, nach Patagonien reisen und nicht wissen, ob Sie Ihre Familie wiedersehen werden? 

Huber: Die Angst, dass man nicht zurückkommt, ist schon da. Aber ein Unglück kann jeden Tag passieren. Beim Klettern braucht man eher Respekt. Wenn die Angst kommt, stimmt irgendetwas nicht. Vor zwei Jahren hatte ich allerdings richtig Angst. Damals erfuhr ich, dass ich einen Nierentumor habe. In so einer Situation hast du es nicht mehr selbst in der Hand. Zum Glück war der Tumor gutartig.

Sie haben einst in der Schulband gesungen sowie Akkordeon und Gitarre gespielt. Als Zehnjähriger bestiegen Sie mit Ihrem Vater Alpengipfel. Wovon haben Sie damals geträumt: von einer Musikkarriere oder den höchsten Bergen der Welt? 

Huber: Ich habe von einem verrückten Leben geträumt - das habe ich jetzt. Ich versuche, jeden Moment einzufangen. Solche Momente erlebe ich in Patagonien und auch bei der Musik. Manchmal schnappe ich mir auf einer Expedition meine Gitarre und versuche durch die Musik das auszudrücken, was in mir ist. In der Schulband haben wir Hits von der Spider Murphy Gang gecovert. Das Gitarrespielen habe ich dann den anderen überlassen, weil ich gemerkt habe, dass die das besser können. Ich bin vielleicht auch nicht der beste Sänger, aber bei mir ist alles echt - wie beim Klettern.

In dem Song „No“ geht es darum, dass das „Nein“ der erste Schritt zum „Ja“ ist. Wie bitte? 

Huber: Wir haben zu viele Jasager in der Gesellschaft. Immer geht es um Gier und Profit. Und immer heißt es, wir müssten im Hier und Jetzt leben. Dabei müssen wir auch an Morgen denken, damit unsere Enkelkinder noch eine Welt haben, die lebenswert ist. Wir sollten Nein sagen zu diesem Leben. Das Nein ist der erste Schritt zum Ja.

Was fasziniert Sie so am harten Stoner Rock, der auf dem Blues basiert und den Sie mit aggressivem Punk vermischen? 

Huber: Aufgewachsen bin ich mit den Doors. Jim Morrison hat mich fasziniert, nicht mit seinen Drogenexzessen, aber mit diesem Mystischen. Später habe ich die Dead Kennedys, Nirvana und Kyuss für mich entdeckt. Wir sind keine Schöngeister, aber wir finden es einfach cool. Mein Bruder und ich hatten übrigens schon vor Jahren ein Angebot einer Plattenfirma. Wir sollten als Huberbuam bayerische Rockmusik machen. Wir haben sofort abgesagt. Es hätte nicht zu uns gepasst. Was uns groß gemacht hat, ist das Authentische. Wir verstellen uns nicht.

Eddie Vedder von Pearl Jam surft gern mit einem wasserdichten iPod. Haben Sie beim Training auch Musik im Ohr?

Huber: Im Trainingsraum höre ich immer Musik, aber nicht in der Natur. Ich lasse mich von ihr inspirieren. Natur ist auch Musik.

Sie sind gerade 47 geworden. Als Rockmusiker kann man noch im Rentenalter auf der Bühne stehen. Wie ist das mit dem Altern beim Klettern? 

Huber: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ich freue mich, wenn es im Februar nach Patagonien geht. Vielleicht wird in fünf Jahren alles ruhiger, vielleicht wird es aber auch viel schlimmer. Ich habe gerade Riesenspaß, verrückte Dinge zu machen.

Plastic Surgery Disaster: Endless (Deaf Shepherd Recordings). Wertung: drei von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.