Markus Dietz inszeniert am Kasseler Schauspielhaus Kleists „Der zerbrochne Krug“

Die Vertuschung funktioniert nicht mehr

In blutiger Unterwäsche: Bernd Hölscher als Dorfrichter Adam mit Lolita Peil als Magd. Staatstheater Kassel „Der zerbrochne Krug“
+
In blutiger Unterwäsche: Bernd Hölscher als Dorfrichter Adam mit Lolita Peil als Magd.

Ernst und drastisch inszeniert Markus Dietz Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ am Kasseler Staatstheater. Er nimmt die Missbrauchssituation ernst, das geht aber auf Kosten des Lustigen. 

Kassel – Wie kann eine Komödie lustig werden, wenn auf der Bühne die ganze Zeit eine geschundene Frau anwesend ist? Manchmal presst sie die Beine zusammen, ihre blauen Flecken an den Oberschenkeln sind nicht zu übersehen, die rotgeweinten Augen auch nicht. Unbeschwertes Lachen gibt es hier nicht. Regisseur Markus Dietz inszeniert Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ am Kasseler Staatstheater in einer zeitgemäßen Lesart. Sie wischt das Leid der Eve (Christina Thiessen), die vom Dorfrichter Adam (Bernd Hölscher) in ihrer Abhängigkeit erpresst und körperlich bedrängt wird, nicht mehr weg in turbulenter Höhöhö-Aktion, sondern nimmt die grauenhafte Situation ernst.

Sexueller Missbrauch – das ist auch die Ausnutzung von Macht und die Gewissheit, dass männliche Dominanz nicht angezweifelt wird. Es ist ehrenwert, dass das Regieteam diesen Aspekt so klar darstellt und sich für jene Stückversion entschieden hat, die diesen Handlungsstrang deutlicher herausarbeitet als die zumeist aufgeführte. Für die Premiere im Schauspielhaus gab es am Freitag viel Applaus und langes, rhythmisches Klatschen.

Kehrseite des Regieansatzes ist aber, dass im Versuch, dennoch lustig zu bleiben, die komödiantischen Elemente teilweise so derb überzeichnet sind, dass es nicht nur einen sogenannten Gag mit Darmwinden gibt, sondern gleich mehrere, dass der Dorfrichter sich in seiner Schmuddelunterwäsche am Gemächt kratzen und dann an seinen Fingern riechen muss und alles überhaupt stark an den Rand des Ekels gezerrt wird: Das ist viel zu viel. Zudem wird teilweise viel herumgekreischt und eine derart schrille Tonlage verwendet, dass Kleists elaborierter Sprachwitz in solchen Szenen sekundenschnell untergebügelt wird.

Kleist zeigt auch auf, wie weibliche Glaubwürdigkeit durch maskuline Netzwerke und Abhängigkeiten systematisch unterminiert werden kann. Adam kommt ganz nonchalant zu dem Fazit: „Doch was sie sagt, das glaubt man nicht.“ Wenn man den Ausnahmedarsteller Bernd Hölscher als Dorfrichter hier so als rustikales Urviech darstellt, birgt das die Gefahr, dass die Verallgemeinerbarkeit des Themas auf der Strecke bleiben könnte.

Mayke Hegger (auch Kostüme) hat ein meterhohes Regal aus weißen Akten und Umzugskartons auf die Bühne gebaut, gespielt wird in der Vertikalen. Jeder Darsteller ein Regalfach, man kraxelt herum, die Kisten können auch mal polternd heruntergeworfen werden. Gerichtsschreiber Licht (Lukas Umlauft) betätigt den summenden Aktenschredderer, die Papierstreifen segeln durch die Luft, schließlich stehen alle knietief in den chaotischen Überresten der Gerichtsbarkeit.

Der alerte Gerichtsrat Walter (Hagen Bähr) mit Anzug und Coffee-to-go-Becher und Dorfrichter Adam stehen in der Ausübung ihrer Ämter manchmal aber auch mitten im Zuschauerraum – sorgen für einen spannenden Perspektivwechsel.

Rahel Weiss als Frau Marthe, die mit der Klage über den in Tochter Eves Kammer zerbrochenen Krug das Gerichtsgeschehen ins Rollen bringt, Sandro Sutalo als Eves Verlobter Ruprecht und Lisa Natalie Arnold als Frau Brigitte werden ergänzt von Nelly Rechnagel und Lolita Peil als Mägden.

Wieder am 26.9., 3., 4.10., Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.