„z. B. Philip Seymour Hoffman“ am Kasseler Staatstheater kreist um Identität

Die Wahrheit der Spielfiguren

Vor dem künstlichen Kirschblütenzweig: Eva-Maria Keller und Artur Spannagel in der Aufmachung von Modelleisenbahnfiguren. Staatstheater Kassel „z.B. Philipp Seymour Hoffman“
+
Vor dem künstlichen Kirschblütenzweig: Eva-Maria Keller und Artur Spannagel in der Aufmachung von Modelleisenbahnfiguren.

Wilke Weermann inszeniert einen intelligenten und witzigen Abend zum Thema Identität auf der Studiobühne Tif. Für die Premiere gab es viel Jubel.

Kassel – Ein riesiger Finger stupst von außen sechs Darsteller auf eine Spielfläche. Sie sehen aus wie kleine Modelleisenbahnmännlein mit Haaren aus Knetgummiwürsten. Ihre Bewegungen sind staksend, sie halten die Finger merkwürdig abgespreizt, jede Figur in einer anderen Pose, die Münder sind scheinbar festgefroren, die Kleidung ist überdimensional, wie mit der Schere nur grob in Form geschnitten. Ein japanisches Haus mit Schiebetüren steht im Zentrum der Bühne. Darin: ein Modell desselben Hauses. Auf einer Leinwand, aber auch auf einem Fernsehgerät im Häuschen laufen Videos (Christian Neuberger), die echte Menschen zeigen, nach denen die Knetfiguren gestaltet sein könnten. Teils aber auch im historischen Look vergangener Epochen. Wenn dann noch eine Firma ins Spiel kommt, die verspricht, aus digitalen Filmschnipseln virtuelle Actionhelden entstehen zu lassen, bei denen die Waffe in der Hand später noch virtuell eingefügt werden kann, wird das Vexierspiel auf die Spitze getrieben.

Ein großartiger Theaterabend feierte am Sonntag Premiere auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters. Im Tif wird als deutschsprachige Erstaufführung „z.B. Philip Seymour Hoffman“ des argentinischen Autors Rafael Spregelburd gezeigt. Wilke Weermann, in Kassel seit einigen Jahren der Spezialist fürs Experimentelle, inszeniert mit Einfallsreichtum und großer Genauigkeit.

Zwar ist der Abend mit reichlich zwei Stunden etwas zu lang, aber es ist ein absolut lohnendes Theatererlebnis entstanden, das sowohl viel Augenfutter als auch intelligente, witzige Denkanstöße zum Thema Identität bietet.

Mit großer Präzision und und viel Lust am Slapstick jonglieren Artur Spannagel, Tim Czerwonatis, Stephan Schäfer, Eva-Maria Keller, Alexandra Lukas und Marius Bistritzky 40 Figuren. Viele Handlungsstränge spiegeln sich ineinander, manchmal führt dieselbe Person zweimal ein Telefongespräch, das mit denselben Worten beginnt – doch plötzlich wird deutlich, dass die zweite Version in einer anderen Zeit und womöglich anderen Realität stattfindet.

Es geht in vielen Einzelstories grob gesagt um einen Filmdreh, um einen Mann, der mit einem Filmstar verwechselt wird und sich irgendwann fragen muss, ob er nicht vielleicht jener Philip Seymour Hoffman ist, wenn das doch alle sagen.

Es geht aber auch um Kandidaten in Fernsehshows, das Remake eines beliebten Films, eine TV-Saga um einen Waffenhändler, die Erfüllung eines letzten Wunsches für einen todkranken Jungen und die abgrundschwere Einsamkeit eines rauchenden Weihnachtswichtels (Ausstattung: Paula Wellmann).

Wieviel Tiefe die Darsteller ihren zahlreichen Figuren verleihen – so absurd sie zugleich die Münder verrenken, und die Hüften beim Gehen abknicken müssen, ist wundervoll.

Und am Ende bleibt die Weisheit der Knetmassefiguren: „Glaube nennen wir immer den Glaube der anderen. Den eigenen Glauben nennen wir Wahrheit.“

Theater im Fridericianum. Kartentelefon: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.