Die Welt als Insel und Vorstellung

Shakespeares „Sturm“ zum Saisonstart am Kasseler Schauspielhaus

Schlüpfen in verschiedene Rollen: Christina Weiser (links), Meret Engelhardt und Jürgen Wink in „Sturm“.
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Schlüpfen in verschiedene Rollen: Christina Weiser (links), Meret Engelhardt und Jürgen Wink in „Sturm“.

Die Aufführung von William Shakespeares Komödie „Sturm“ im Kasseler Schauspielhaus verbindet den Song „Littlest Birds“ von The Be Good Tanyas mit den Fragen, was die Menschen antreibt und was sie zum Loslassen bringt.

Kassel – Was hat eine kanadische Countryband von heute mit dem Dichter-Genie der Renaissance zu tun? Die Aufführung von William Shakespeares Komödie „Sturm“ im Kasseler Schauspielhaus integrierte den Song „Littlest Birds“ von The Be Good Tanyas in die poetisch-komische Beschäftigung des Dramatikers mit den Fragen, was die Menschen antreibt und was sie zum Loslassen bringt.

Es war ein Höhepunkt der Aufführung, als Meret Engelhardt und Christina Weiser im zweistimmigen Satzgesang mit zarten Tanzschritten das Lied von den kleinsten Vögeln anstimmten. Es handelt auch davon, dass uns alle Orte, die wir durchwandern, prägen. Und das passt zum Stichwort Loslassen.

Thomas Bockelmann inszeniert als letzte Produktion seiner Intendanz Shakespeares letztes Werk und wählt dazu eine Fassung von Joachim Lux, die das Geschehen vom Schiffbruch auf einer einsamen Insel und den Racheplänen des verstoßenen Herrschers Prospero, der dann doch zu einer Haltung der Gnade findet, auf lediglich drei Darsteller verteilt.

Es ist toll, was Jürgen Wink als Prospero und Saufbold Trinculo, Christina Weiser als gehorsamsmüder Luftgeist Ariel, schockverliebter Prinz Ferdinand und größenwahnsinniger Stefano sowie Meret Engelhardt als missgestalteter Caliban und hübsche Miranda aus dem Verwandlungszauber herausholen. Ebenso schnell wie eindrucksvoll wechseln sie Körper- und Sprachhaltung, nur mit Nuancen erzählen sie von einem ganz anderen Leben und Schicksal.

Dennoch birgt diese Fassung den Nachteil, dass in den 90 Minuten Spieldauer vieles nur behauptet oder angesprochen, nicht aber dramatisch ausgestaltet werden kann. Etwa der Stimmungsumschwung Prosperos, der plötzlich merkt, dass ihm das Mitleid abhandengekommen war und sich entscheidet, seine auf seiner Insel gestrandeten Alt-Feinde doch nicht abzumurksen. Gnade macht nicht nur die Delinquenten, sondern auch ihn selbst frei.

Auf der wunderschön poetisch gestalteten Bühne hat Sabine Böing eine sprungturmhohe nostalgische Holzrutschbahn aufgebaut, die den Luftgeist aus seinen Stoffwolken herabsausen lässt. Ein umgestürzter Thron erzählt von Herrschaftsverlust, ein Ventilator kann das titelgebende Unwetter erzeugen und die Papiere des gelehrten Prospero ins Flattern bringen. Kostümbildnerin Ulrike Obermüller hat allen Figuren kleine Accessoires mitgegeben, die sie bei den zahlreichen Verwandlungen kenntlich machen. Brille auf, Spitzentüchlein ab.

Jürgen Wink gelingt es in gewohnt herausragender Weise, seinen Prospero in Frotteebademantel differenziert zwischen Melancholie und Lust an der Macht changieren zu lassen. Mit einem Fingerschnipsen entfacht er Wetterstrafen, maßregelt Caliban und Ariel, kommuniziert er mit seinen Gefangenen, für die das Publikum steht. Ist nicht vielleicht alles ohnehin nur Theater?

„Weiter im Text“ ruft Christina Weiser einmal, ganz fein deuten ihre Arme Marionettenbewegungen an, als hänge Ariel an den Strippen, die Prospero zieht. Oder wir alle? Dann gibt es einen Moment, wo Meret Engelhardt als Caliban Abbitte verspricht – aber zugleich den Zuschauern zuzwinkert wie Verbündeten. Sie treibt das doppelbödige Spiel im Spiel auf die Spitze – und spätestens da hat sie mit umwerfendem Charme den Saal verzaubert. Viel Applaus, Jubel.

Wieder am 24., 30.9., 5.10., Karten: 0561/1094-222

Von Bettina Fraschke

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