Neu im Kino: „La Nana - die Perle“ ist die psychologisch genaue Studie einer innerlich erstarrten Frau

Ein Dienstmädchen lernt Gefühle

Muss das Leben neu entdecken: Raquel (Catalina Saavedra) hat sich in den letzten 23 Jahren nur um die Familie ihres Arbeitgebers gekümmert - nicht um sich selbst. Foto:  nh

Seit 23 Jahren lebt Raquel (Catalina Saavedra) als Dienstmädchen im Haushalt einer Familie in Santiago de Chile. Die Küche ist ihr Reich, die Schlafkammer der einzige Rückzugsort und ihr Leben eine riesengroße Routine. Obwohl sie auf engem Raum zusammen leben, die Arbeitgeber um Herzlichkeit bemüht sind, gehört sie nicht zur Familie. In ihrer Schattenexistenz, die sie seit dem 18. Lebensjahr führt, ist Raquel zunehmend verbiestert. Mit stierem Blick zieht sie mit dem Staubsauger in der Hand in den täglichen Krieg gegen den Schmutz der anderen.

Als Raquel auf der Treppe ohnmächtig wird, beschließt ihre Arbeitgeberin Pilar (Claudia Celedon), ein zweites Dienstmädchen anzustellen, um die kriselnde Haushälterin zu entlasten. Natürlich verteidigt Raquel ihr Reich mit scharfer Kralle. Das peruanische Au-pair-Mädchen hat sie schon nach wenigen Tagen vergrault, und auch die Hauswirtschafterin gibt nach kurzer Zeit auf.

Aber dann kommt Lucy (Mariana Loyola), und Lucy ist ganz anders. Sie strahlt eine persönliche Freiheit und menschliche Wärme aus, wie sie Raquel noch nie erlebt hat. „Was haben sie nur mit dir gemacht?“, sagt Lucy zu ihr, als die verbiesterte Raquel auf sie losgehen will, und nimmt sie einfach in den Arm. Die schlichte Geste überwältigt Raquel, und Lucy lockt die verstockte Dienerin immer weiter aus ihrem Schneckenhaus.

Vollkommen kitschfrei inszeniert der chilenische Regisseur Sebastián Silva in „La Nana - Die Perle“ diesen Moment der Erweckung aus der vollkommenen psychischen Erstarrung. Hatte man am Anfang noch das Gefühl, dass die satirische Darstellung des unterdrückten Hausdrachens in ein Sozialracheszenario abgleiten würde, nimmt der Film im letzten Drittel eine vollkommen andere Richtung und setzt eine ungeheure Zärtlichkeit gegenüber der Figur frei, die am Anfang fast wie eine Karikatur erschien.

Mit feiner Beobachtungsgabe zeigt Silva die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zur Hausangestellten und die sozialen Gräben, die von noch so viel gutem Willen nicht übersprungen werden können. „La Nana - Die Perle“ zeichnet das Psychogramm einer Frau, die über zwanzig Jahre kein eigenes Leben hatte und sich plötzlich neu zu spüren beginnt.

Genre: Psychodrama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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